Vorwort:
Es gab tatsächlich einen Anlass nach Tokio zu fliegen und mir eine der größten Städte der Welt anzuschauen. Ich hatte Tickets für ein Konzert der japanische Punkrock Band Fungus im digitalen Wallet, die im legendären Cyclone in Shibuya spielten. Was lag also näher, als sich zu den Konzerttickets noch Flugtickets und Hotel dazuzubuchen und nach Japan zu fliegen. Eben, (fast) nichts!
Dienstag, 11.11.
Noch schnell die Butterbrote für die Schule geschmiert. Die Sachen in den Handgepäckdrucksack geworfen und schon erinnerte mich die UBER App daran, dass mein Fahrer vor der Tür steht. Mohamad begrüßte mich mit „Hallo Stefan“, nahm mir den den kleinen Trolli und den Rucksack ab und schmiss die arabische Musik auf partylautstärke an. Der Gurt ließ sich nicht flexibel einstellen, da das Gurtband hakte, aber dank meiner seit einer Woche laufenden Shake-Abnehmkur, schafften wir es gemeinsam den Gurt einzuhaken. Ein erster Erfolg des Abnehmplans über den ich mich Luft japsend freute, da der Gurt doch noch sehr Straff saß. Aber nochmal abschnallen, um die Jacke auszuziehen und noch einen Zentimeter Spielraum zum ausatmen zu gewinnen, war mir zu umständlich. Ohne größere Verspätung trotz des Weges durch die Baustellenstadt, erreichte ich überpünktlich den Essener Hbf.

Also ab zu DM. Zahnseide, Zahnpasta und Zahnbürste mussten noch ins Handgepäck, könnte ja mal sein, dass man irgendwo landet wo man gar nicht hin will oder eine Notlandung in Russland notwendig wird. Da sollte man sowas dabei haben. Pass… check. Flugtickets und Konzerttickets in der Cloud… check! Powerbank… check! Alles andere was ich nun vergessen hatte konnte auch noch am Flughafen oder bei meiner Ankunft in Japan gekauft werden. Um 7:50 Uhr startete dann der ICE nach Frankfurt.
Der ICE fuhr mit 5 minütiger Verspätung am Bahnhof Flughafen Frankfurt ein und ich hatte entspannte 3 Stunden Zeit bis zum Boarding. Ich hatte mich entschieden einen kleinen Koffer neben dem Handgepäck aufzugeben. In der Schlange des Check-in lernten sich die ersten Traveller flüchtig kennen. Für zwei junge Mädels ging es nach Bangkok und Inselhopping rund um Phuket für die nächsten drei Wochen, ein anderes Pärchen flog wie ich mit dem Flug CA966 nach Tokio… mit Umstieg in Peking. Da mein Koffer in Peking durchgecheckt wurde, erhielt ich direkt zwei Boarding-Tickets und konnte so hoffentlich entspannt den Transfer zum Anschlussflug erreichen. Mal sehen… Mein Kissen hatte ich vergessen, aber ich war nicht bereit 55 Euro ein halbwegs „festes“ Nackenkissen im Flughafenshop auszugeben. Fast für das gleiche Geld verbrachte ich die nächsten zwei Stunden im Restaurant Deli Bros in Terminal 1, am Gate B. Kürbissüppchen, Bierchen, Milchkaffee und Snacks waren ein gute Frühstücksalternative.

Hatte ich mich doch in der letzten Woche morgens und abends mit Diät-Shakes und proteinreichen Allerlei gequält. Wenn es eins für sich hatte: zwei Kilo waren runter und die ernährungs- und hungerbedingte schlechte Laune der letzten Tage, erleichterten meiner Frau und meiner Tochter den Abschied. Abschiedsküsschen und Umarmungen waren trotzdem drin und Worte wie „der Alte kann ruhig ein paar Tage länger wegbleiben“ hatte ich zumindest nicht wahrgenommen. 😉

Das Boarding ging schnell über die Bühne und kaum zu glauben aber wahr, die Sitze neben mir im Reihe 48 waren frei und kein Kleinkind war in Sicht. Das könnte ein entspannter Flug werden.
Mittwoch, 12.11.
Um 5:50 Uhr Ortszeit landete die Boeing in Beijing, nachdem sie die meisten Kilometer in 11200 Meter Höhe über Russland verbracht hatte, bevor sie den Landeanflug über der Mongolei einleitete. Während des Fluges wurde ich mit zwei Mahlzeiten versorgt und kam endlich dazu, drei Filme meiner Watchlist als „gesehen“ zu markieren.

Nachdem ich das Flugzeug verlassen hatte ging’s durch den Sicherheitsscheck in eine gefühlt kilometerlange Halle. Bewaffnet mit einem „HotLatte“ von Starbucks an Gate 19 ging es über mehrere Fahrsteige bis Gate 35. Mist, hier gab es natürlich keine Shop mit Snacks und 6 Stunden bis zur Landung in Tokio wollte ich nicht warten. Also 1,2 Kilometer durch das Terminal zurück zu Starbucks.

Vom Hunger getrieben, oder besser gesagt von der Angst, in zwei Stunden Hunger zu bekommen, ließ ich mich dazu verleiten Chicken Wraps zu ordern. Zwei Bisse später landete die Packung im Mülleimer. Absolut ungenießbar. 15 Minuten verspätet startete dann der Air China Flug nach Tokio. Gleiche Fluggesellschaft, strengere regeln. Tablets auch im Flightmodus nicht erlaubt, Handy schon. 8-9 mal streifte die Crew vor Start durch die Gänge, kontrollierte die Nutzung von mobile devices, Gurte usw. Fast jeder wurde einmal aufgefordert, Geräte auszuschalten oder den Gurt enger zu schnallen.

Der Pilot ist nicht den kürzesten Weg über Nordkorea geflogen, sondern hat das gelbe Meer, Südkorea und das japanische Meer als Route genommen. Ich hatte die Web-Registration bereits vor ein paar Tagen Zuhause durchgeführt, sodass ich nach dem Scan des QR-Codes, des Passes und der Fingerabdrücke am Automaten schnell vor dem Förderband stand, um mein kleines Köfferchen entgegenzunehmen, dass ich hauptsächlich wegen ein paar Schuhe und meinem Atemgerät eingecheckt hatte. Nachdem ich meinen kleinen Koffer in der Hand hatte, machte ich mich auf die Suche nach einem Automaten für die Suica-Welcome-Card. Die Karte ist der Eintritt in die Metrowelt Tokios. Mit 5.000 Yen (28 Euro) aufgeladen suchte ich nun nach dem Gleis der Keikyu Train Line, die mich zur Haltestelle Shinagawa brachte. Am Bahnhof angekommen hatte ich erst einmal Fragezeichen in den Augen und Google Maps brachte mich auch nicht weiter. Zu viele Gleise und zu viele Bahnlinien. Eine Angestellte erkannte meine Hilflosigkeit, kam freundlich auf mich zu, erkundigte sich wo ich hin muss und erklärte mir den Weg zum Gleis. Super. Ich nehme es schon einmal vorweg: Google Maps würde später zur unerlässlichen und zuverlässigen Hilfe bei der Suche nach dem richtigen Bahnhofseingang, Metrolinie und sogar der bestmöglichen Wagennummer werden. Nur ein paar Minuten später stand ich am Bahnhof Shimbashi, folgte den gelben Schildern und schraubte mich Meter für Meter weiter unter die Erde. Es war schwül hier unten, aber die Leute standen brav in einer Reihe, um einzusteigen.

Geschafft. Ich hatte das Alfit Hotel & Bar Hotel erreicht. Das kleine 11 qm Zimmer lag in eine der nobleren Gegenden, nur wenige Meter von der Akasaka Station entfernt. Vorausgesetzt man nimmt den richtigen Ausgang. In Akasaka ist es nicht so wuselig wie in anderen Stadtteilen und dennoch fand man hier alles was man brauchte. Cafés, ein 7Eleven, FamilyMart usw. Mit der Metro war man innerhalb von 15 bis 30 Minuten an den Ausgespots in Roppongi. Shibuya oder Shinjuku. Mein erster Weg führte mich natürlich zum 7Evelen, um mich mit dem nötigsten einzudecken. Snacks, Wasser, alkoholfreies Bier.

An Schlaf war nicht zu denken, obwohl ich seit dem Vortag um 7 Uhr auf den Beinen war. Und deshalb schlich ich Abends noch einmal um die Häuser von Akasaka, das im Bezirk Minota liegt. Rund um den Bahnhof von Akasaka und dem Harry Potter Plaza befinden die entsprechenden Themencafés, Harry Potter Shops usw. Natürlich ein Fotospot für Fans der Geschichten. Ohne zu wissen wohin ich wollte, lief ich einfach weiter und landete in Roppongi. Hier war selbst am späten Abend weitaus mehr los. Rund um die Roppongi Hills Towers standen die Leute an, um im Hello Kitty Picnic Park zu essen oder sich vor den bunt leuchtenden Bäumen zu fotografieren.

Außerdem hatte meine eine tolle Sicht auf den 333 Meter und rot beleuchten den Tokyo Tower, der im Stil des Pariser Eifelturms gebaut wurde. Neben der Funktion als Sendemast bietet dieser auch einen Aussichtsplattform.
Donnerstag, 13.11.
Es war klar, dass ich durch den Jetlag nur schwer schlafen konnte und so schlug ich mir die Nacht damit um die Ohren, Tokio auf der Karte zu studieren. Das letzte Mal blickte ich um 5 Uhr morgens auf die Uhr. Um 10 Uhr klingelte die Hotelkraft das erste Mal, um 12 Uhr das zweite Mal. Ich musste mich aus dem Bett schälen, hing das Schild „Cleanig not necessary“ an die Tür und machte mich nach einer heißen Dusche auf den Weg. Ich hatte mich überreden lassen in Tokio einer dieser weltweit gefragten Plüschfiguren „Labubu“ zu kaufen. Wie immer war Google Maps mein Helfer, um die richtige Bahn, das richtige Gleis und den richtigen Ausgang zu finden. Schon genial, dass einem direkt in der App die mit Nummern ausgewiesenen Ein- und Ausgänge angezeigt werden, um in dem Wirrwarr von Treppen und Gängen den Weg zu finden.

Deshalb fuhr ich mit der Metro zum Pop Mart Store Harakuju und war baff. Eine 100 Meter lange Schlange mir Sicherheitspersonal und Guides, die Schilder hoch hielten, die den Beginn und das Ende der Schlange markierten. 45 Minuten dauerte das Anstehen. Aber schon von draußen hatte ich gesehen, wo die Labubus platziert waren.

Ich hatte zwei von den nur noch wenig vorhandene Labubus erwischt und flüchtete schnell aus dem Laden.

Nur ein paar Gehminuten weiter schielte ich in eineStraße, in der sich unzählige Leute tummelten. Die Takeshita Street: die wohl wohl verrückteste Straße Tokios. Klimbim überall, verrückte Essenshops, Hundekuschel- und MiniPig Bars überfüllte Capsule Toys Shops.

Ihr kennt die Automaten, in die man Coins schmeißt, einmal dreht und Kaugummis, einen Flummi oder irgend so ein Schrottspielzeug raus kommt. Hier gibt es ganze Shops mit hunderten solcher Automaten, die hier *Gashapon“ genannt werden. Und ja, es gibt Fans dieser Art von Spielzeuge.

Um 17 Uhr machte ich mich auf nach Kawasaki und musste hierzu am grossen wuseligen Bahnhof Shinagawa Station umsteigen. Das erste Mal, dass ich mich dort am Bahnhof verirrte. Mehrere Etagen auf denen verschiedene Linien abfahren, die dann auch noch mit den gleichen Farben gekennzeichnet sind. Aber wie immer half mir eine Angestellte am Bahnhof schnell weiter, sodass ich gerade noch den Zug bekam. Rush Hour. Oh je, es war voll und wurde immer voller und doch war es erschreckend leise. Kaum einer redete. Aber was wollte ich in Kawasaki. Tja, Leser unter 16 Jahren müssen nun abschalten. Ich wollte mir mal eine District anschauen der auch die seinen verruchten Teil bekannt ist. Girlsbars, Soaplands. Letztere scheinen nicht sehr aufgeschlossen gegenüber Touristen zu sein, aber auch die gibt es vereinzelt. Wenn man einen „Foreigner-Cash“ Betrag zahlt. Bei guten Service inkl. Nuru-Nuru Massage ist man dann aber auch bei 300 Euro aufwärts dabei, für das frivole Nightlife-Vergnügen. Moment, diese Etablissements öffnen schon um 9 Uhr morgens 😳.

Ich schlich durch die dunklen Straßen zurück auf eine schrill beleuchtete Einkaufsstraße auf der Suche nach…. nichts. Ich stolperte also in die Ginryu-gai, eine Einkaufspassage am Rande des Bahnhofs über mehrere hundert Meter lang und Shops auf beiden Seiten. Und weil ich auch dort nichts gefunden hatte, ging’s nach zwei Stunden wieder in Richtung Innenstadt.

Mal schauen was in Shibuya so geht. Um die Bahn am Anschlussbahnhof Shinagawa zu bekommen, folgte ich der Google Maps Anweisung und wechselte von meinem Einstiegsstandort Wagen 15 zu Wagen 7. Gut, dass hier wirklich alles ausgezeichnet ist.

Shibuya, ein MUST SEE bei jedem Tokio Trip. Wahrzeichen natürlich die „Shibuya Crossing“, an dessen Spitzenzeiten bis zu 2500 Leute die Kreuzung gleichzeitig überqueren. Rund um den Bahnhof gab es eine große Baustelle, sodass ich diesmal irgendwo am Bahnhof rauskam und mich erst einmal zurechtfinden musste.

Auch mein erster Weg führte mich zur berühmten Kreuzung, dessen Spektakel ich mir dann aus eine der zahlreichen Cafés aus den oberen Etagen der Hochhäuser anschaute. Geheimtipps über kostenlose Sitzplätze an irgendeinem Fenster gibt es im Internet.
Ich habe mich für die Share Lounge entschieden, 1650 Yen, rund 9 Euro, gezahlt und konnte dafür Stunde bei All Snacks you can eat und freien Getränken inkl. Bier und Kaffee dem Trubel auf der Straße zuschauen.

Besonders amüsant ist es den meist jungen Mädels zuzuschauen, die bei einer Grünphase mit ihrem Selfie-Stick über die Kreuzung hüpfen oder losrennen, um sich für ein paar Sekunden im Trubel abzulichten.

Die nächsten Stunden schlenderte ich einfach nur durch die Straßen, besuchte Capsule Stores und andere verrückte Geschäfte, die häufig in der 5. oder 15. Etage von Hochhäusern und engen Hausfluren zu finden sind.

Wunderte mich über die irre Mode meist junger Japanerinnen, war positiv überrascht über die nahezu vollständige Kameraüberwachung einiger Straßenzüge und ließ mich, angezogen von den Lichtern wie ein Mücke, einfach so durch die Straßen treiben.

Freitag, 14.11.
Und genau das mag ich so am Reisen. Ich stellte ein paar zur Selbstdarstellung gemachte Fotos auf Instagram online und prompt meldete sich Bea und teilte mir mit, dass ein Freund von ihr in Tokio lebt. Das war am Vortag. Kontaktdaten getauscht, WhatsApp Nachrichten geschrieben und schon waren wir auf einen Kaffee bei Starbucks verabredet, das Stammkaffee des 73-jährigen Japaners, der jeden Morgen die Strecke von seinem Zuhause zum Kaffee und wieder zurück läuft.

Nur die Strecke zu seiner Partnerin, die an der Grenze Tokios wohnt, fährt er mit seiner Hayabusa! Kenji saß schon im Café als ich ankam und begrüßte mich mit einer Umarmung und spendierte mir eine Kaffee. Er sprach super deutsch. 1982 absolvierte er einen Fußballtrainer-Ausbildung in Deutschland, war Amateurspieler beim 1. FC Köln und war befreundet mit Hennes Weißweiler und ist befreundet mit Christoph Daum und kennt sich als noch heute tätiger Fußballjournalist bestens auch im deutschen Fußball aus. Neben Fußball sprachen wir auch über Motorräder und das Reisen. Schließlich war ich auf der Suche nach Informationen von Walter Küpper, der in 60ern durch Japan reiste. Mein historisch begeisterter Onkel und Motorradfreak war für seine Aufzeichnungen mal wieder auf der Suche nach Infos und beauftrage mich, mehr über ein Motorrad herauszufinden, dass Walter von Bridgestone 1962 in Tokio erhielt. Gab es Aufzeichnungen, Infos zum Modell oder ähnlichem. Leider konnte mir Kenji nicht direkt weiterhelfen, war aber zufällig bekannt mit einem Familienmitglied des Bridgestone Gründers Shojiro Ishibashi, der heute noch für die Museen zuständig sei. Durch den hohen Rang im Unternehmen, war es leider nicht so einfach möglich, mir einen direkten Kontakt herzustellen, um dort weiter zu recherchieren. Wir plauderten rund 1 1/2 Stunden. Beim Bezahlen der Getränke musste Kenji aber dann noch den Mitarbeiterinnen vom verrückten Deutschen berichten, der ohne Plan für ein Punkrock Konzert und ohne Familie nach Tokio gekommen.
Wir verließen Starbucks und Kenji nahm mich mit zum Meiji Schrein, der den Seelen des Meijo-tennō und seiner Frau Shöken-kōtaigo gewidmet ist. Meijo-Tenno ist der Name des 122. Kaisers (tenno), der eigentlich Mutsuhito hieß und 1912 verstarb. 8 Jahre dauerte der Bau des Schreins, der 1920 fertiggestellt war.

Mit meinem Stadtführer an der Seite erfuhr ich nicht nur mehr über den Mann am Parkeingang, der „Sweet Potatoes“ verkaufte, sondern auch, dass ich mich am Eingang zum Park verbeugen musste und nie durch die Mitte des hölzerne Torii gehen sollte, sondern immer ganz nah am innenliegenden Rand eines der Pfähle. Der mittlere Bereich sei nur den Göttern vorbehalten, von denen man heute allerdings hunderte in Form von Touristen sah, die diese Information nicht hatten. Nachdem wir noch kurz mit Kenjis Partnerin telefoniert und ich mich per Videocall vorgestellt hatte, spazierten wir zum Schrein selbst.

Da ich keine Münze bei mir hatte, blieb mir das Ritual zum Beten verwehrt, aber es war trotzdem spannend, der Tradition zuzusehen. Wie verließen den Park am anderen Ende und Kenji betete wie jeden Tag am Torii, während ich abseits einfach still da stand.

Am Mittag verabschiedeten wir uns, denn Kenji war im Fußballfieber. Die japanische Nationalmannschaft spielte heute Abend gegen Ghana und es gab für ihn einiges in dieser Sache vorzubereiten. Aber, wir wollten uns wiedersehen, entweder in Tokio oder wenn er 2026 zum Internationalen Trainer-Kongress in Mainz ist.
Ich begleitete Kenji noch ein Stück auf seinen Weg. An der Haltestelle verabschiedeten wir uns und er zeigte mir noch den Weg zum richtigen Gleis Richtung „Shimokitazawa, ein Stadtteil, der fast nebenan lag. Shimokitazawa ist das Szeneviertel. Kleine und großer Plattenläden, Indie-Rock und Jazz-Kneipen, Secondhand-Shops, Literatur-Cafes.

Und ich war viel zu früh dran. Vor den Cafés wurden gerade erst die Tische rausgestellt, die (glaube ich) coolen Läden hatten noch gar nicht auf. Ich spazierte durch alle Gassen, schaute durch viele Schaufenster und ärgerte mich etwas über die Zeit. Egal. Was soll’s. Ich muss sowieso nochmal in diese Stadt und dachte an das Ticket für den Roppongi Tower, welches der Grund war, dass ich nicht so lange in diesem Viertel bleiben konnte. Die kleinen engen Gassen haben mir gut gefallen und man merkte, dass sich hier durch günstigere Mieten auch kreative Shops ansiedeln konnten. Wer also Lust auf Retro-Boutiquen, Secondhand Platten und Kleidung oder Lust auf Live-Musik und nicht nur Karaoke hat, der ist hier richtig. So, steht der nächste Grund für eine Tokio Reise doch schon wieder fest. Ein Live Konzert im Musikclub THREE.

Ein kurzer Zwischenstopp im Hotel, einmal frisch machen und schon ging es wieder los. Ich hatte einen Timeslot für den Besuch auf den Roppongi Hills Tower. Meine Füße waren heute schon heiß gelaufen, deshalb entschied ich mich für die Bahn. Puh, das erste Mal, dass ich in der Rush Hour in die Metro rein und auch wieder rausgedrückt wurde. Die kleinen Damen neben mir hatten keine Chance sich an den Halteringen festzuhalten und ließen sich einfach fallen, wenn der Zug anfuhr oder bremste. Umkippen ging schließlich nicht. Gut, dass ich mich nochmal frisch gemacht hatte, so musste ich kein schlechtes Gewissen haben, wenn sich ihre Nase in meine Achselhöhle drückte. Hatte ich da eine zartes „それはありがとう“ (Soreha Arwgato / danke dafür) wispern gehört.

Das schwierigste an dieser Reise war es bisher, den richtigen Eingang zu einer Location zu finden, insbesondere wenn Shops in schmalen Häusern auf irgendeiner Etage oder sowie hier, an oder in einem großen Gebäudekomplex versteckte sind. In diesem Fall wusste ich aber wo ich hin musste, weil der Eingang zum Komplex am Mori Arts Museum lag. Obwohl ich eine halbe Stunde vor meinem Zeitfenster am Ticketschalter stand, wurde ich bereits reingelassen und fuhr in die 52. Etage des Gebäudekomplexes.

Das Observation Deck ist angekoppelt an eine kleine Ausstellung mit dem Titel „All Of Evangelion“, anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Anime-Serie. Die Ausstellung beginnt mit einer großen Figur von Evangelion.

Außerdem kann man sich eine Auswahl an Produktionsmaterialien aus dem Original-Fernsehmaterial, darunter die Kulissen der Anime-Serie, dem Ursprung der Reihe, sowie Originalzeichnungen aus der neuen Filmreihe ansehen. Mein nächster Stop an diesem Abend führte mich zur Omoide Yokocho (思い出横丁) „Memory Lane“, die sich im Stadtteil Shinjuku befindet. Dabei handelt es sich um eine kleine Gasse mit winzigen Kneipen, in denen man authentisches japanische Essen bekommt.

Diese schmale Gasse begann ihre Geschichte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als Schwarzmarkt und hat sich zu einem der lebhaftesten Essensviertel in Tokio entwickelt. Heute ist die Gasse vollgestopft mit winzigen Kneipen, die eine authentische japanische Esskultur bieten.

Aus jeder Kneipe duftete das Essen und es war voll. In keiner Kneipe sah ich einen freien Platz, aber dafür viele gutgelaunte Gesichter, die es sich bei Yakitoro, Hühnchenfleisch auf Spieß und Bier, gutgehen ließen. Tische gibt es übrigens nicht, hier sitzt man dicht an dicht zusammen am Tresen, was auch genau die Atmosphäre ausmacht. Wer hier noch eine Platz bekommen will, sollte allerdings vor 18 Uhr hier sein.

Ich hatte später am Abend dann mein temporäres Zuhause-Gefühl gefunden. Die Rock Mother Bar in Shinjuku. Etwas kleiner als mein Hotelzimmer, das wie ihr wisst 11 qm hat. Pflicht, das Sapporo Bier und Tequila, dazu aus der handschriftlich geschrieben Playlist auswählen, die bestimmt zwanzig Seiten umfasst und in Klarsichtfolien geschützt in einem Schnellhefter auf der Theke ausliegt.

Mit „5 minutes alone“ von Pantera startete ich. Es folgten funkige japanische Bands aus dem Repertoire des Besitzers, wie RC Succession, The Michelle Gun Elephant und meine Favorit des Abends: Jagatara. Das Bier ging auf mich, der Tequila auf eine Nachbarin, die glücklicherweise zur Arbeit musste und somit die von ihr angekündigten Schnaps-Runden ausblieben. Alkoholfreie Bieralternativen gab es nicht und dass der Deutsche auf Limo umstieg, die hier nur zum mixen verwendet wird, sorgte für Verwunderung. Es kam und gingen immer wieder Gäste, die nur kurz einen Drink nahmen und wieder verschwanden. Aber es war auch zu laut, um sich hier unterhalten zu können und zu klein um abzurocken. Dennoch ein super Abend mit netten Gesprächen.

Ich hatte vor ein paar Tagen von der Bar „Rockaholic“ gelesen, auf die auch der ein oder andere Live-Schuppen verwies. Also ging’s ein paar Straßen weiter. Die Bar war größer, das Publikum gemischter und die Barkeeper jünger. Außerdem gab es hier auch wieder Getränke für mich, alkoholfreie meine ich.

Neben mir an der Theke saß Taylor aus Ohio, der für den Rest des Abends mein Gesprächspartner wurde und der bereits ein echter Tokio-Kenner war. Es war bereits sein fünfter Besuch in dieser Stadt und ich glaube mich zu erinnern, dass er auch diesmal wieder 3 Wochen hier war. Insofern konnte ich mir ein paar Tips abholen und versuchte den Ohio-Slang zu folgen und mich mit meinem Englisch über Wasser zu halten. Ich bin aber sicher, dass ich mit Alkohol besser Englisch spreche(n würde) 😉.

Es wurde spät und später und die Metro fuhr nicht mehr durchgehend, sodass ich einen Umweg hätte einlegen müssen, deshalb buchte ich mir eine UBER. Die Taxen und UBER-Fahrzeuge sind fast ausschließlich komfortable Vans mit automatischen Schiebetüren, sodass der Fahrer nicht aussteigen muss. Und genau mit so einem ließ ich mich durch die Stadt kutschieren und erreichte bequem das Hotel.

Samstag, 15.11.
Heute hatte ich mal mal eine Gammeltag eingelegt, außerdem steckte mir der Abend in Shinjuku noch in den Knochen.

Deshalb machte ich mich erst am Nachmittag auf nach Shibuya, um noch etwas durch die Straßen zu schlendern und die „Säuferstrasse“, Nonbei Yokocho“ zu besuchen. Eine kleine berühmte Straße mit Mini-Bars, meist nur für bis zu 5 Personen, in denen man sich gepflegt betrinken kann.

Ich wuselte mich durch die Menschenmenge über die „Shibuya Crossing“ und stand ein paar Minuten später vor dem Cyclone Shibuya. In der Konzertlocation fand heute die „Enter Buzz Tour“-Show der Band YOØWY statt, die mit den Bands 桃尻東京テレビジョン, The Sneaker, Johnny Pandora und Fungus auf der Bühne standen. Die Konzerttickets hatte ich bereits vor ein paar Wochen online gekauft und darauf hin auch die Flüge gebucht.

Die Genres bewegten sich zwischen Rockabilly, Punkrock und Rock. Bis auf Johnny Daigo, dem „Last Rock’n’Roll Samuraiy der 2011 mit Veröffentlichung seiner ersten CD seine Karriere begann, sangen und sprachen alle Bands auf japanisch und nicht auf englisch.

Die Shows der Bands waren allesamt super und sie wissen, wie man die Fans entertained. Mein Favorit waren aber definitiv Fungus, die im Jahr 2000 ihr erstes Album veröffentlichte, drei Jahre nach ihrer Gründung 1997.

Sänger Kamasaka lieferte eine dreckige Punkrockshow ab und selbst die älteren Rockabillys sprangen mit Enthusiasmus und starken Glauben an ihre Knochen von der Bühne. Der Ablauf gut organisiert. 30 Minuten volle Power für jede Band, 10 Minuten Umbau und Soundcheck und weiter ging es.
Das war echt super. Lediglich die Hauptband nahm sich natürlich mehr Zeit und ließ sich durch Zugabe-Rufe gleich drei Mal zurück auf die Bühne locken.

Zurück an der Akasaka Station sprang ich noch kurz in den 7Eleven, um mir eine Snack zu kaufen.

Die Zubereitung mit kochendem Wasser ist idiotensicher, aber natürlich kann man wie immer den Google-Übersetzer nutzen, die Kamera auf die japanische Schriftzeichen halten und bekommt alles übersetzt. Ich würde sagen, das späte Abendessen ist mir gut gelungen. 😊
Sonntag, 16.11.
Toll, wieder so ein herrlicher Tag. Ich hatte wirklich Glück mit dem Wetter. Statt mit der Metro durch Tunnel zu fahren, entschied ich mich mit dem Rad durch Tokio zu radeln.

Über die „Bike Share“ App kann man sich ganz einfach ein Fahrrad leihen, kann alle Checkpoints nach verfügbaren Rädern inkl. Akkustatus checken und sich das Fahrrad reservieren. Da mein Weg zum teamlab Borderless Museum nicht so weit war, entschied ich mich einen kleinen Umweg zu fahren und abseits der ausgewiesenen Radwege durch die Straßen zu cruisen.

Aber Achtung, Linksverkehr. Da fast ein jeder Ecke ein Verkehrspolizist steht und so gut wie der Zebrastreifen zusätzlich abgesichert wird, braucht man sich keine Gedanken machen, für längere Zeit falsch zu fahren. Entweder es regelt ein Crash oder einer der Polizisten. Ich hatte noch etwas Zeit bis zum Einlass und besuchte deshalb den Nishikubo Hachiman Shrine, der unmittelbar neben dem Gebäudekomplex Azubadai Hills zu finden ist, in dem sich auch das Museum befindet und der eingebettet zwischen Hochhäusern liegt.

Das Digital Art Museum ist ein Kunstmuseum in Azabudai Hills, das digitale Kunst der Gruppe teamlab Borderless zeigt. Ich hatte die Tickets am Vortag über die App KLOCK gekauft und meinen Eintritt für 12 Uhr angegeben. Die digitalen Visualisierungen im Museum bewegen sich und zeihen teilweise von Raum zu Raum.
Außerdem gibt es verschiedene Räume, die man als Besucher entdecken kann. Wenn man sie denn findet. Denn es gibt keine Wegführung durch die Räume. Ich betrat also nicht nur die Welt der Schmetterlinge mit Wasserfallhügel und Blumen, deren Blätter wegfliegen wenn man sie berührt, sondern beobachte in den Gängen auch die vielen Tierprojektionen, z.B. Elefanten, dessen Körperbild aus hunderten von Blumenblüten gebildet wird und die über die Wände wandern und dadurch immer mal wieder angetroffen werden.
Highlights für mich war die Crystal World und Microcosmoses. Ersteres ist eine Kristallwelt aus tausenden von LEDS, die von der gespiegelten Decke hängen und wiederum von Wänden und Boden gespiegelt werden und dazu verschiedenfarbig aufleuchten. Im Mikroskosmos laufen leuchtende Kugeln auf Bahnen und scheinen der Schwerkraft zu trotzen. Der Besuch im Museum war absolut Klasse und ist dringend weiterzuempfehlen.

Mein zweiter Auftrag stand an. Die Suche nach verschiedenen Modellautos aus HotWheels Serien und der MiniGT- Reihe. Ausgestattet mit Fotos der Modelle und teilweise Nummern aus den Serien führte mich mein erster Weg am frühen Nachmittag zu den beiden fast gegenüberliegenden Ken Box Filialen, die unzählige dieser Autos im Repertoire hatten. Von rund 8 potentiellen Käufen konnte ich hier allerdings nur bei zwei Modellen fündig werden, hatte aber noch drei weitere kleinere Shops im Auge und hoffte meinen Auftraggeber nicht zu enttäuschen. Es ist einfach irre, wieviel Personal hier im Einsatz ist. Was geregelt werden kann, wird geregelt. Ob es nun die Steuerung von Besucherschlangen vor Shops sind oder Ein- und Ausfahrten an Parkhäusern. Alle Orte sind mit mehreren Leuten bestückt, einer der die Fußgänger anhält, einer der sie freundlich vorbei winkt, ein nächster der die Autos reguliert. Wahnsinn.

Nachdem ich die beiden Modellautos im Hotel gesichert und mich für meine nächste Metrofahrt zur Rushhour mit einer Überdosis Axe eingesprüht hatte, wollte ich unbedingt noch nach Akihabara. Alles blinkt, aus jedem Geschäft tönt Musik, und über den Geschäften im Erdgeschoss befinden sich zahlreiche Maid Cafés. Die Mädels sind meist angezogen wie Dienstmädchen, ähnlich wie beim Cosplay gibt es unterschiedliche Genres bzw. Mottocafés. Klar gibt’s dort Getränke und Speisen, aber es geht eher darum, dass die Mädels sich um meist Männer kümmern und Spiele spielen, tanzen und irgendwie animieren.

Ich fand’s schon verrückt, obwohl ich nur durchs Fenster zu sah. Die Hardcore Anime Fans buchen sich direkt hier in einem der APA Hotels ein Zimmer und sind quasi in ihrer eigenen Welt „gefangen“. Wer es mag. Trotzdem, komme ich nochmal nach Tokio, werde ich einige der Sachen, die ich jetzt nur beobachtet hatte, einmal ausprobieren.

Zu guter Letzt schaute ich mir noch den Love Merci Shop an, der auf vier Etagen alles ausstellt, was die Erotikbranche so zu bieten hat, als Ware in den Regalen stehen hat. Die oberen zwei Etagen sind für Frauen nicht zugänglich. Neben lebensgrossen Sexpuppen gibts hier ein paar außergewöhnliche Spielzeuge, die dann auch mich überraschten und die wohl doch eher den perversen Neigungen des männlichen Geschlechts an die Hand gegeben werden. Irgendwann war aber auch mir das Bling Bling zuviel und nachdem ich den 10. Flyer eines Maid Cafés von einer der jungen Mädels am Strassenrand zugesteckt bekommen hatte, machte ich nicht auf den Weg ins nächste Viertel.

Zurück an der Ochanomizu Street betrat ich das falsche Gleis und schon war es passiert. Um auf das richtige Gleis zu kommen musste ich wieder durch den Automaten, machte aber irgendeinen Fehler, sodass mir der Zutritt auf der anderen Seite verwehrt blieb. Die Klappen am Schalter gingen zu und versperrten mir den Weg. Sofort kam eine Dame zu mir, checkte mit mir was geschehen sein könnten und verwies mich an eine kleine Sprechanlage und einen Schalter an der Wand, den ich drücken sollte. Auf die japanische Stimme aus dem kleine Lautsprecher antwortete ich einfach auf Englisch drauf los und schon öffnete sich ein kleines Fenster. Ein junger man öffnete mir, schob ein Schälchen vor, in das ich meine Karte legte und entsperrte mir diese. Ok, das ging easy und schnell. Ich bedanke mich bei ihm und bei der entfernt stehenden Dame mit einer zarten Vorbeugung und mit einem „Daumen hoch“, da ich dachte sie würde erstere Geste auf die Entfernung nicht erkennen. Aber ebenfalls mit einem „Daumen hoch“, signalisierte sie mir, dass sie letztere gesehen hat. Danke für die Hilfe.

Ikebukuro gilt als sündiges Viertel. Girls Bars, Soaplands, Stunden Hotels. Und wie in ganz Tokio, tolle kleine Bars und Restaurants an jeder Ecke, an denen sie Leute zum Teil in Schlangen stehen. Für mich war der Ausklang eine Tages mit tausenden von Schritten, kilometerlangen Fußmärschen und noch längeren Fahrten per Metro. Deshalb schlenderte ich einfach die Straßen in einem Muster ab, beobachte die Mädels am Straßenrand, die um die Gunst von Männern werben, um sie in eine der (Girls) Bars oder Maid Cafés zu überreden. Alle hübsch, alle tragen Uniform oder Cosplay-Gewand und alle haben zarte aber schrille Stimmchen. So richtig viel los war hier heute nicht, vielleicht lag es doch daran, dass es Sonntagabend war.

Nach einer Stunde Sightseeing mit ein paar Sweets in Mund und Hand, die ich mir im Family Mart gekauft hatte (ich stehe auf die mit Sahne gefüllten Sachen), machte ich mich zurück ins Hotel.















