Vorwort:

Vor ein paar Wochen hatte ich noch keine Ahnung, wohin uns unser Roadtrip in den Süden Deutschlands und durch Österreich führen sollte, geschweige denn, dass dieser überhaupt stattfindet. Fakt war, ich wollte in der Zeit meines Urlaubs weg. Meine Frau und ich habe uns mit Blick auf die verfügbaren Urlaubstage und die Schulferien, die Sommerferien für die Betreuung aufgeteilt, so wie es bei dem Großteil der schulpflichtigen Kinder der FAlls

Dienstag, 28.07.

Bis mittags hatte ich noch schnell den „Schreibtisch“ leer gearbeitet, dann ging es los. Gemeinsam mit meinen Eltern im Wohnmobil haben wir uns im volkgepackten Ford auf den Weg Richtung Schwarzwald gemacht.

Die ersten rund 300 Kilometer von Essen bis nach Lorsch hatten es bei der Sommerhitze ganz schön in sich, sodass wir ein paar Extrastopps zum Durchpusten eingelegt haben. Josefine vertrieb sich während der Fahrt die Zeit mit ausreichend Trinken und Schauen ihrer Lieblingssendung auf ihrem Kindertablett.

Die Autos stehen, der Schlafplatz ist fertig und das Reise-Gefühl stellt sich langsam ein. Während wir erst mal durchgeatmet haben, hat Josefine direkt ihr Fahrrad vom Träger geholt und ihre Runden über den Stellplatz gedreht, um die Lage zu checken und die Camper ringsum zu begrüßen. Nach stundenlangem Sitzen im Auto genau das richtige Kontrastprogramm.

Während Oma und Opa im Schatten hinterm Wohnmobil die Campingstühle aufgestellt und die Füße
hochgelegt haben, ging es für Josefine und mich noch auf Erkundungstour. Ein reiner Stellplatz wird für eine Siebenjährige halt schnell eintönig. Also ab durch Lorsch, wo es neben der berühmten Königshalle und dem alten Kloster zum Glück auch zwei richtig gute Spielplätze zum Auspowern gibt.

Draußen sitzen, bis die Mücken kommen oder es einfach zu dunkel wird. Nach dem Essen saßen wir
noch eine Weile alle zusammen, bevor Josefine und ich in unser Bett im Auto gekrabbelt sind. Noch ein kleiner Film auf dem Tablet zum Runterkommen, dann war Feierabend für heute. Morgen geht die Reise weiter.

Mittwoch, 29.07.

Guten Morgen aus Lorsch! Geschlafen haben wir gut, auch wenn wir dringend Fliegengitter brauchen, um nachts mal richtig durchzulüften. Für Josefine gab es zum Frühstück Waffeln mit Schokostreuseln als Highlight.

Beim Zusammenpacken gab es dann noch einen kurzen Schreckmoment, als sie mit dem Rad
im Kies gelandet ist. Ein paar Schrammen müssten gekühlt werden, aber Schreck und Schmerzen ließen schnell nach, sodass wir um 10 Uhr im im Auto saßen und die nächste Etappe antreten konnten.

Mit Tempo 100 hinter dem Wohnmobil meiner Eltern herrollen und sich einfach Zeit lassen. Genau so muss ein Reisetag starten. Gegen 16 Uhr sind wir nach ein paar entspannten Pausen auf dem Campingplatz Lug ins Land in Bad Bellingen angekommen – schön gelegen im Dreiländereck, mitten zwischen Weinbergen.

Kaum war das Auto geparkt und das Dachzelt aufgebaut, waren Josefine und Opa Peter auch schon im Pool verschwunden.

Perfekt, um sich das lange Stillsitzen aus den Knochen zu strampeln. Ich habe währenddessen in Ruhe die Campingküche aufgebaut und das Dachelt mit Landsstrom ausgestattet. Schließlich muss die „Luftmaschine“ mich nachts versorgen, damit mein Schnarchen nicht die Gäste auf den umliegenden Parzellen aufweckt.

Später ging es noch auf Erkundungstour über den Platz. Es gibt eine Spielplatz, Grillstellen, einen Aufenthaltsraum für Kinder, einen Pool und – als klares Highlight für Josefine – ein Ziegengehege.

Vom Autodach konnten wir uns den Sonnenuntergang anschauen.

Als es dann schon stockdunkel war, ging es in die wirklich top gepflegten Sanitäranlagen zum Zähneputzen und duschen, bevor wir uns Dachzelt verkrümelten.

Donnerstag, 30.07.

Manchmal passt das Timing auf Reisen einfach perfekt. Heute ging es für Josefine und mich zusammen mit Lara und ihrer Tochter Johanna los. Lara kenne ich gefühlt schon mein ganzes Leben. Wir sind zusammen aufgewachsen und ihr Bruder und mein bester Freund Simon, haben schon im Kindergarten Schabernack zusammen getrieben. Josefine hatte bereits ein Frühstückseis verdrückt, bevor sie beiden uns um 12 Uhr einsammelten. Aber bevor es ins Wasser ging, haben wir kurz bei ihr daheim vorbeigeschaut, um auch ihrer Mutter nach gefühlten Ewigkeiten Hallo zu sagen.

Danach ging es direkt ins Freibad nach Steinenstadt. Ein richtig schönes, entspanntes Bad mit viel Platz auf den grünen Liegewiesen, Sprungbecken, einer kleinen Rutsche und einer breiten Wellenrutsche, auf der die Mädels pausenlos unterwegs waren. Während die Kids im Kinderbecken getobt haben, haben wir die Zeit genutzt, um „in Ruhe“ über alte und neue Zeiten zu quatschen. Vielen Dank an Lara und Johanna, dass ihr euch die Zeit für uns genommen habt – das Wiedersehen hat richtig gutgetan!

Kaum zurück vom Ausflug, ging es für Josefine direkt in die nächste Runde: Taucherbrille aufgesetzt, Badeanzug an und einmal quer über den ganzen Campingplatz marschiert, um keine Sekunde zu verlieren. Nach dem Freibad hatte ich genug vom nassen Element und habe das Ganze entspannt von der Liege aus im Blick behalten.

Am späten Abend ging es dann erst mal unter die Dusche, um die dicke Chlorschicht vom Tag abzuwaschen. Zurück am Platz war das Timing perfekt Oma hatte den Tisch schon gedeckt und Opa saß am Grill, wo die Bratwürstchen schon bruzzelten.

Freitag, 31.07.

Josefine hatte am morgen Estelle kennengelernt, die mit ihrer Familie auch hier Urlaub machte. Den kompletten Vormittag waren sie über das gesamte Gelände unterwegs – vom Spielplatz rüber zum Ziegengehege, kleine Abenteuer suchen und einfach frei herumstromern.

Als die beiden wieder auftauchten, ging es nahtlos. Estelle und ihr Papa haben Josefine direkt mit zum Pool genommen, und ich bin kurz darauf hinterhergedackelt, um mich auch noch in die Fluten stürzen.

P.S. Darf ich vorstellen, unser neues Haustier: „Flugi VII“

Gegen 18 Uhr ging es mit Oma noch mal kurz zu Fuß los, nämlich auf zur Wassertretanlage Bamlach. Die 15 Minuten Fußweg leicht bergauf haben uns bei dem schwülen Wetter trotzdem ins Schwitzen gebracht, umso besser hat das eiskalte Quellwasser im Tret- und Armbecken getan. Für Josefine war es die allererste Kneipp-Erfahrung. Wir mussten ihr allerdings erst mal erklären, dass das Becken zum Storchengang und nicht zum Schwimmen gedacht ist. Danach waren die Beine wieder fit.

Das eigentliche Highlight des Abends kam nach dem Essen: Ziegen füttern. Auf einen Schlag waren alle Kids am Gehege versammelt und die Eltern hatten auf den Parzellen plötzlich eine halbe Stunde absolute Ruhe. Opa und ich haben die Zeit direkt genutzt, um das Vorzelt abbauen, Dachzelt einklappen und alles abfahrbereit machen.

Geschlafen wurde heute wieder im Auto, um morgen früh entspannt zur Check-out-Zeit loszukommen, wenn die Reise weiter nach Österreich geht. Als Josefine glücklich zurück war, ging es nur noch fix zum Zähneputzen, Zahnspange rein und ab ins Auto-Bett.

Samstag, 01.08.

Nachdem wir den Morgen noch mit einem herrlich entspannten gemeinsamen Frühstück bei Oma und Opa begonnen hatten, rollten wir gegen halb elf endlich vom Platz. Unser Plan für den Tag klang eigentlich unkompliziert, denn es sollte von Bad Bellingen quer durch den Süden bis an den Chiemsee gehen. Dass sich die Strecke über die Landstraßen dann doch wie zäher Kaugummi ziehen würde, hatten wir bei der Abfahrt wohl etwas verdrängt. Nach etlichen Kilometern und gefühlt ewigen Stunden auf dem Asphalt erreichten wir erst gegen zwanzig Uhr abends unser Ziel in Bernau am Chiemsee.

Für die Nacht steuerten wir einen unkomplizierten Parkplatz an, auf dem das Übernachten ganz offiziell erlaubt war. Für rund siebzehn Euro Gebühr hatten wir ein sicheres Plätzchen für die Nacht. Großartiges Aufbauen und Einrichten sparten wir uns allerdings komplett. Da wir am nächsten Morgen ohne großes Tetris-Spiel direkt weiterreisen wollten, blieb alles auf das absolute Minimum reduziert.

Stattdessen brauchten wir nach der langen Sitzerei alle dringend etwas Bewegung an der frischen Luft. Wir spazierten hinunter ans Ufer, wo der See im sanften Abendlicht lag und an der Anlegestelle der Chiemseeschifffahrt die Schiffe leise im Wasser schaukelten. Direkt daneben lag die Rettung für den familiären Bewegungsdrang, ein Spielplatz, auf dem Josefine die aufgestaute Energie der langen Autofahrt endlich mit vollem Körpereinsatz loswerden konnte.

Nachdem genug geklettert, gerutscht und getobt worden war, zogen wir uns für den gemütlichen Teil des Abends zu Oma und Opa ins Wohnmobil zurück. Erst spät abends krochen wir bei leichtem Regen in unser eigenes Quartier krochen, um fit für die morgige Weiterreise nach Österreich zu sein.

Sonntag, 01.08.

Am nächsten Morgen setzte sich unsere kleine Kolonne wieder in Bewegung. Wir fuhren im Auto voraus, während Oma und Opa im Wohnmobil hinterherrollten. Über die Grenze nach Österreich ging es zügig voran, bis wir an der Raststätte Eben den ersten Stopp einlegten, um den Koffeinpegel aufzufüllen und kurz die Route durch die Berge abzusprechen.

Von dort aus ging es weiter über die Tauernautobahn und die Bundesstraße bis nach Ramingstein. Nach der ganzen Kurverei und dem endlosen Sitzen brauchten wir alle dringend eine Pause, um den Beinen etwas Bewegung zu verschaffen. Der Ort bot sich dafür ziemlich gut an.

Wir liefen ein Stück an der Mur entlang, die hier ordentlich Strömung hat und lautstark durch das Tal rauscht. Das stetige Wasserrauschen war eine willkommene Abwechslung zum ewigen Motorengeräusch. Während wir am Ufer standen und die kühle Luft einsaugten, konnten wir direkt
drüben die Schmalspurgleise der Murtalbahn im Blick behalten. Es dauerte gar nicht lange, da schob sich auch schon ein Zug um die Kurve und zuckelte gemütlich an den Felswänden vorbei.

Von Ramingstein aus ging es für uns weiter über Untertauern und Obertauern stramm in Richtung Tagesziel. Allerdings trennten sich kurz darauf die Wege unserer kleinen Reisegruppe, denn ich hatte mir in den Kopf gesetzt, die Route über die Turracher Höhe zu nehmen. Eine landschaftlich großartige Idee mit einem kleinen Haken, denn die Passstraße war für Fahrzeuge über dreieinhalb Tonnen und damit auch für Wohnmobile komplett gesperrt. Oma und Opa mussten also abdrehen und eine an der Route wählen , während wir im Auto die Serpentinen in Angriff nahmen. Wir schraubten uns Kurve für Kurve den Berg hinauf, bis wir schließlich auf stolzen 1763 Metern über
dem Meeresspiegel standen. Was mein Fahrerherz bei den Steigungen und engen Kehren erfreute, stieß auf dem Beifahresitz auf eher mäßige Begeisterung. Josefine wurde die Schaukelei zusehends zu viel.

Kaum hatte sie mit leiser Stimme angekündigt, dass ihr flau im Magen sei, passierte es auch schon im selben Augenblick. Sie übergab sich mitten ins Auto. Oben angekommen hieß das für mich erst einmal, Warnblinker an und Großputz starten. Ich verbrachte eine einige Zeit damit, mit Feuchttüchern und Küchenrolle und die winzigen Schrauben, Ritzen und Schienen des Beifahrer- und Kindersitzes wieder sauber zu bekommen. Eine Lektion, die man definitiv nur einmal auf die harte Tour lernen muss. Ab diesem Moment wanderte ein gut gefüllter Vorrat an Spucktüten direkt griffbereit in ihr Seitenfach. Wie sich im weiteren Verlauf unseres Urlaubs herausstellen sollte, war das eine der besten Ideen überhaupt, denn die ständigen alpinen Berg- und Talfahrten forderten Josefines Magen noch einige Male heraus.

Um halb drei am Nachmittag hatten wir es endlich geschafft und erreichten das Feriendorf am Maltschacher See. Da Oma und Opa wegen ihrer Ausweichroute noch irgendwo auf den Kärntner Straßen unterwegs waren, marschierten wir schon mal direkt zur Rezeption und wickelten den Check-in kurzerhand für beide Parteien ab.

Anschließend ging es rüber zum benachbarten Campingplatz. Das System dort gefiel mir auf Anhieb, denn wir durften uns die Plätze völlig frei aussuchen. Also sicherten wir uns direkt zwei schöne, nebeneinanderliegende Parzellen, stellten das Auto ab und markierten unser Revier. Es dauerte auch gar nicht lange, bis das vertraute Brummen des Wohnmobils zu hören war und die beiden endlich auf den Platz rollten. Von da an lief die eingespielte Camping-Routine fast wie von selbst
ab.

Wir klappten unser Dachzelt auf, schlugen die Heringe in den Boden und spannten die Leinen nach,
während Opa routiniert die Markise auskurbelte und die Campingstühle aufstellte. Nach der langen
Fahrerei schmeckte das erste kalte Getränk im Schatten doppelt so gut, aber an langes Füßehochlegen war natürlich nicht zu denken.

Opa hatte zum Abendessen Bratwürstchen gebrutzelt, der zusammen mit dem Fertig-Kartoffelsalat von Aldi aufgetischt wurde. Josefine zog es nach dem Essen nach „draußen“, also machten wir uns auf den Weg über die Straße hinüber zum Strandbad und dem angrenzenden Spielplatz. Obwohl die Dämmerung bereits einsetzte und das Wasser im See schon fast dunkel wirkte, hielt sie rein gar nichts mehr am Ufer.

Bei den knackigen Temperaturen von fast 36 Grad, die sich in den letzten Tagen aufgestaut hatten, war der See zwar erstaunlich warm, aber der erste Schritt hinein kostet ja
bekanntlich trotzdem immer etwas Überwindung.

Nicht so bei Josefine, denn sie sprang ohne jedes Zögern hinein. Ich war ehrlich überrascht, wie mutig sie bei der einbrechenden Dunkelheit ihre Bahnen zog, ohne dass ihr die eingeschränkte Sicht im Wasser auch nur im Ansatz etwas ausmachte. Nach der ausgiebigen Abkühlung tobte sie sich noch auf dem Spielplatz aus, bis die letzten Energiereserven des langen Reisetages restlos aufgebraucht waren. Zu später Stunde machten wir uns auf den Rückweg zu unseren Parzellen, kletterten die Leiter hinauf in unser Dachzelt, hörten noch ein Hörspiel und schliefen ein.

Montag, 03.08.

Am Morgen schälten wir uns bei bestem Kaiserwetter langsam aus dem Dachzelt. Während Oma und Opa schon putzmunter das Frühstück herrichteten und mit vollem Körpereinsatz das Stand-up-Paddle-Board aufpumpten, brauchten Josefine und ich noch den einen oder anderen Moment, um den Schlaf aus den Augen zu reiben.

Nach der Stärkung packten wir die Badesachen und gingen hinüber ans Strandbad am Maltschacher See, der nur ein paar Kilometer außerhalb von Feldkirchen in Kärnten liegt. Mit seinen knapp dreizehn Hektar Wasserfläche und maximal gut sechs Metern Tiefe ist das Gewässer zwar recht überschaubar, heizt sich im Hochsommer dafür aber herrlich auf und ist komplett frei von Motorbooten.

Den Tag verbrachten wir quasi durchgehend am und im Wasser. Josefine und Opa lieferten sich auf dem SUP-Board die reinsten Kunststücke, und mit ihrer Taucherbrille auf der Nase tauchte sie gefühlt stundenlang ab, fest entschlossen, die heimische Fischwelt eigenhändig zu fangen. Gemeinsam paddelte Opa mit ihr einmal komplett um den See herum und bestaunte vom Wasser aus die gepflegten Privatgrundstücke, die sich am Ufer aneinanderreihen.

Oma zog es vor, an unserer Parzelle die absolute Ruhe zu genießen, weshalb wir sie beim Mittagessen nicht aufscheuchen wollten. Stattdessen kehrten wir ins Strandbad-Restaurant ein und verdrückten eine Margerita-Pizza und ein Eis.

Danach stand Josefines großes Tages-Highlight an, eine Runde mit dem Tretboot samt angebauter Wasserrutsche. Mitten auf dem See gab es für sie kein Halten mehr, und sie sauste unermüdlich die Rutsche hinab ins warme Nass. Ich war ehrlich gesagt ziemlich erleichtert, dass wir das Gefährt nur füreine Stunde geliehen hatten, denn die Sonne brannte trotz dicker Schichten Sonnencreme gnadenlos auf uns herab.

Am späten Nachmittag legten wir eine Pause ein, schauten bei Oma am Wohnmobil vorbei und aßen
gemeinsam zu Abend.

Als die Dämmerung einsetzte, schnappte ich mir Josefine noch einmal für einen Abstecher zur Minigolfanlage am Strandbad, wo wir uns bis in den Abend hinein ein paar „peinliche“ Anfänger-Duelle lieferten.

Dienstag, 04.08.

Wieder strahlte die Sonne vom Himmel, als wir nach dem Frühstück die Badesachen packten. Wir wollten uns gerade das Stand-up-Paddle-Board schnappen, als plötzlich ein ohrenbetäubender Knall hinter dem Wohnmobil die Campingplatz-Idylle zerriss. Opa hatte das Board am Vorabend dort abgelegt, und die Vormittagssonne hatte derart unbarmherzig darauf gebrannt, dass eine Schweißnaht dem Druck nicht mehr standhalten konnte und lautstark explodierte. Damit hatte sich das Thema Stand-up-Paddling für den restlichen Urlaub erledigt.

Unser zweites Board hatten wir vor der Abreise an Freunde verliehen, Ersatz war also nicht in Sicht. Die Laune ließen wir uns davon aber nicht verderben und marschierten trotzdem hinüber zum See. Opa kam dort prompt in den Genuss einer ganz besonderen Wellness-Behandlung, denn Josefine stieg mit ihren kleinen Füßen auf seinen Rücken und tänzelte geschickt darauf herum, um seine Verspannungen wegzukneten.

Zur Mittagszeit kehrten wir wieder im Strandbad-Restaurant ein, bestellten uns Salamipizza sowie einen üppigen Bananensplit und ließen das Essen erst einmal etwas sacken. Danach packte mich der sportliche Ehrgeiz. Ich sprang ins Wasser und schwamm einmal quer über den
See ans andere Ufer und wieder zurück. Nach unserer Schätzung waren das gut 450 Meter pro Strecke, also knapp 900 Meter im zügigen und Bruststil. Als ich wieder an unserem Platz ankam, saß Josefine allerdings weinend bei Opa auf dem Schoß.

Eine Bremse hatte sie fies erwischt. Überhaupt glich Kärnten in diesen Tagen einer regelrechten Wespen- und Insektenplage. Es war mir ein absolutes Rätsel, wie manche Eltern ihre Kinder völlig sorglos barfuß über die Wiese rennen lassen konnten. Gefühlt im Fünf-Minuten-Takt schrie irgendwo auf dem Areal ein Kind auf, weil es auf eine Wespe getreten war oder von einer Bremse gebissen wurde. Am Nachmittag zogen wir uns auf die Parzelle zurück. Josefine gönnte sich eine Bildschirmpause mit ihrem Tablet und verkroch sich dabei tief im Wohnmobil von Oma und Opa, weil die festen Fliegengitter die stechenden Plagegeister fast zuverlässig draußen hielten.

Gegen Abend spazierten wir noch einmal über den Platz, warfen einen neugierigen Blick auf die dortigen Bogenschießstände und landeten schließlich am See in einer kleinen Spielhalle. Dort lieferten Josefine und ich uns Duelle beim Airhockey und probierten gemeinsam noch ein paar Videospiel-Automaten aus.

Dann entdeckte sie allerdings diesen typischen Greifarm-Automaten voller bunter Kuscheltiere. Meine gut gemeinte Warnung, dass diese Dinger reine Geldverschwendung sind und die Zange ohnehin fast nie greift, verhallte natürlich ungehört im bunten Geblinke. Sie wollte es unbedingt selbst wissen, versenkte etliche Euro von ihrem Taschengeld in dem Schlitz und musste schließlich die etwas frustrierende Lektion lernen, dass der Automat am Ende eben doch immer gewinnt.

Mittwoch, 05.08.

Bereits um acht Uhr morgens schwangen meine Mutter und ich uns auf die voll aufgeladenen E-bikes, um die Vorräte im nahen Feldkirchen aufzustocken. Der Kühlschrank brauchte dringend Nachschub, also füllten wir bei Spar den Einkaufswagen mit einer bunten Mischung aus Käse, Wurst, Butter, frischem Obst und Nudeln für das spätere Mittagessen. Für den entspannten Teil des Urlaubsabends wanderten außerdem ein paar Doaen alkoholfreies Bier und Aperol Spritz über das Kassenband.

Der Rückweg von Feldkirchen hinauf zum Maltschacher See hielt dann allerdings eine ordentliche Steigung bereit. Ich war im ersten Moment heilfroh über den voll geladenen Akku des Rads, das ich mir von meinem Vater geliehen hatte. Allerdings merkte ich ziemlich schnell, dass der Motor von der Zugkraft her nicht ganz an mein gewohntes Lastenrad von zu Hause herankam. Während ich auf der
steilen Rampe ordentlich ins Schwitzen geriet und mit vollem Körpereinsatz in die Pedale treten musste, flog meine Mutter mit erstaunlicher Leichtigkeit und geübtem Tritt an mir vorbei den Berg hinauf.

Wieder am Campingplatz angekommen, verstauten wir die Beute auf die Kühlmöglichkeiten. Ein Teil wanderte direkt in den Kühlschrank des Wohnmobils, der Rest fand seinen Platz in meiner elektrischen Kühlbox im Vorzelt. Dem gemeinsamen Frühstück im Wohnmobil stand nun nichts mehr im Wege. Die Betonung liegt auf „im Wohnmobil“. Aufgrund der Wespeninvasion war das Frühstücken mit süßer Marmelade, aber auch offener Wurst, draußen unter der Markise einfach nicht möglich. Viel schlimmer: Die Wespen schafften es sogar noch, durch die kleinsten Ritzen an den Moskitonetzen im Wohnmobil hereinzukommen, sodass wir auch dort die eine oder andere Wespe wieder hinausscheuchen mussten. Es war schon etwas ungewöhnlich anzusehen, wie sich 10 bis 15 Wespen an den Moskito-Netzen festsaugten, um sich einen Weg ins Innere zu suchen.

Bevor wir uns wieder auf den Weg zum Strandbad machten, unternahmen Josefine und ich noch eine kleine Runde durch die nähere Umgebung. Unser Ziel waren die Kühe auf der Weide des benachbarten Bauernhofs, die Josefine unbedingt aus der Nähe begutachten wollte. Da auf den offenen Wegen allerdings kaum Schatten aufzutreiben war und das Thermometer schon am Vormittag wieder steil nach oben kletterte, brachen wir den Spaziergang nach dem Besuch der Kühe recht zügig ab.

Wir schlüpften eilig in Badeanzug und Badehose und marschierten hinüber an den Maltschacher See. Dort angekommen liehen wir uns erneut das heiß begehrte Tretboot mit der integrierten Rutsche aus. Für Josefine gab es wieder kein Halten mehr. Sie kletterte unermüdlich die Stufen hinauf und sauste mit lautem Geschrei ins Wasser, während ich versuchte, auf den Pedalen nicht komplett zu schmelzen. Die Sonne brannte derart heiß vom Himmel, dass ich die gesamte Bootstour im T-Shirt verbrachte, um meinen ohnehin schon geröteten Schultern eine Pause zu gönnen.

Den restlichen Vormittag verbrachten Opa und Josefine mit Planschen und Tauchen im seichten Uferbereich. Zur Mittagszeit meldete sich der Magen, also kehrten wir wieder im Strandrestaurant ein. Pizza stand diesmal nicht auf dem Programm. Stattdessen gab es einen großen Teller Pommes, für mich einen Sandwich-Toast und zum Nachtisch ein Bananensplit-Eis, das sich Josefine und Opa diesmal teilten.

Am Nachmittag erreichte die Hitze dann ein Level, bei dem selbst Opa kapitulierte und das Handtuch warf. Wir packten zusammen und flüchteten zurück zum Campingplatz, um uns dort irgendwie in den Schatten zu retten. Weil die stechenden Insekten draußen aber mal wieder keine Gnade kannten, verkrochen wir uns schließlich fast alle im Wohnmobil von Oma und Opa, wo die festen Fliegengitter wenigstens etwas Schutz boten.

Josefine spielte auf ihrem Laptop, ich klappte am Tisch den Laptop auf, ging meine dienstlichen E-Mails durch und erledigte ein paar Dinge, die mir auf den Nägeln brannten und aus meiner Sicht keinen weiteren Aufschub mehr duldeten.

Donnerstag, 06.08.

Die Morgensonne leistete ganze Arbeit, denn im Dachzelt wurde es schon früh empfindlich warm und verwandelte sich rasch in eine kleine Sauna. Ein langes Herumtrödeln war an diesem Tag aber ohnehin nicht drin. Auf unserem Zettel stand ein Ausflug an den Wörthersee, und dafür mussten wir etwas früher als sonst aus den Federn.

Zum Glück hatte Oma bereits die Frühstückslogistik im Wohnmobil übernommen. Während draußen die Wespen schon wieder auf etwas Nahrung aus waren, saßen wir zu viert am Tisch, verdrückten Toast und tankten die nötige Energie für den Tag. Drinnen saß es sich nicht nur wegen des Schattens deutlich entspannter, sondern vor allem, weil man dort ohne ständiges Wespen-Abwehrtraining in Ruhe den ersten Kaffee trinken konnte. Gegen halb elf packten wir unsere Rucksäcke mit Badesachen, ausreichend Wasser und etwas Proviant.

Wir marschierten los zur nahegelegenen Haltestelle der Buslinie 421, die uns ohne Parkplatzstress fast direkt an das Ufer des Wörthersees chauffieren sollte. Die letzten Meter zur Haltestelle mussten wir allerdings tatsächlich etwas rennen, damit wir nicht den Bus, der nur alle zwei Stunden fuhr, verpassten. Pünktlich standen wir am Straßenrand und warteten.

Die Fahrt mit der Linie 421 entpuppte sich als eine kleine Rundreise durch das Kärntner Hinterland, die knapp vierzig Minuten in Anspruch nahm. Der Busfahrer schaukelte über die schmalen und recht kurvigen Landstraßen, vorbei an den kleinen Ortschaften Tigring und Moosburg. Wir nutzten die Zeit, um aus dem Fenster zu schauen und genossen die angenehme Temperatur, die durch die Klimaanlage runtergeregelt wurde. Die Route führte uns schließlich hinab in Richtung Krumpendorf am Wörthersee, wo die Endstation am Bahnhof lag. Wir entschieden uns allerdings ganz spontan dafür, bereits eine Haltestelle vor dem eigentlichen Bahnhof auszusteigen. Das sparte uns ein paar überflüssige Meter auf dem heißen Asphalt und brachte uns auf direktem Weg näher an das Seeufer heran. Als die Bustüren aufgingen, schlug uns sofort wieder die hochsommerliche Hitze entgegen.

Kaum hatten sich die Bustüren hinter uns geschlossen, machten wir uns sofort auf die Suche nach dem See. Von unserer Ausstiegshaltestelle waren es glücklicherweise nur ein paar Schritte zu Fuß, bis wir an der Marina Krumpendorf „alt“ standen.

Der See zeigte sich in diesem ganz typischen, fast unwirklichen Türkis, für das er bekannt ist. Allerdings war langes Uferschauen mit einer Siebenjährigen natürlich nicht der Hauptprogrammpunkt. Josefine hatte längst die Umgebung gescannt und keine fünfzig Meter weiter die nächste wichtige Attraktion entdeckt.

Direkt am Wasser lag ein im Schatten gelegener Spielplatz, der sie magisch anlockte.

Vom Spielplatz aus schlenderten wir weiter durch die Straßen von Krumpendorf, vorbei an etlichen schicken Neubauten von modernen Mehrfamilienhäusern. Ich wollte ehrlich gesagt gar nicht so genau wissen, welche Summen man hier für ein Eigenheim am See auf den Tisch legen muss. Unser Ziel war das Parkbad Krumpendorf, das hier eine kleine Institution ist.

Die Gemeinde hatte das Bad bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Ende der 1940er Jahre eröffnet und in den Jahrzehnten danach immer weiter ausgebaut. An diesem sonnigen Tag hatte allerdings gefühlt ganz Kärnten denselben Plan, entsprechend voll war das weitläufige Parkgelände. Wir mussten etwas suchen, bis wir ein freies Plätzchen im rettenden Schatten einer kleine Baumgruppe ergattern konnten.

Direkt an der Kasse habe es eine Shop, wo ich Josefine mit einem aufblasbaren Schwimmreifen kaufte und direkt aufblasen ließ. Das Bad ist für Familien wirklich ideal angelegt, denn der Uferbereich fällt schön flach ab, sodass man problemlos hineinwaten kann. Für Josefine gab es ohnehin kein langes Zögern. Ausgerüstet mit Schwimmreifen zog sie mutig ihre Bahnen und schwamm mit mir sogar bis zu den Badeinseln hinaus, die ein ganzes Stück draußen auf dem tiefen Wasser verankert sind. Bei einer maximalen Tiefe von über achtzig Metern und fast zwanzig Quadratkilometern Wasserfläche ist der Wörthersee schließlich kein kleiner Gartenteich.

Von den Holzplattformen sprangen wir immer wieder mit Anlauf ins Wasser. Josefine hatte auch hier keinerlei Angst vor der Wassertiefe, tauchte unermüdlich ab und versuchte später im seichten Uferbereich mit vollem Körpereinsatz, kleine Fische mit den bloßen Händen zu fangen. Irgendwann meldete sich der Magen, also besorgten wir uns im Strandbad-Shop zwei einfache Brötchen mit Butter und Marmelade sowie eine kalte Fanta.

An ein entspanntes Picknick auf dem Handtuch oder einem der Tische war allerdings nicht zu denken, denn die Kärntner Wespen hatten unseren Snack innerhalb von Sekunden auf dem Radar. Das Ganze artete in ein hektisches Abwehrtraining aus, sodass wir das Essen im Rekordtempo herunterschlingen mussten. Um weiteren Diskussionen mit den Plagegeistern aus dem Weg zu gehen, flüchteten wir kurzerhand wieder ins Wasser und verbrachten den restlichen Nachmittag einfach in und am See.

Am späten Nachmittag packten wir schließlich unsere Sachen zusammen, schüttelten die Grashalme von den Handtüchern und verließen das Parkbad. Nach den vielen Stunden im und am Wasser verlangte der Körper nach einer ordentlichen Dosis Zucker und Koffein. Nur ein paar Schritte weiter stolperten wir über ein nettes kleines Lokal mit dem treffenden Namen „Unser Caffé“.

Der Laden traf genau meine Geschmack, denn die Einrichtung war in hellen, frischen Grüntönen gehalten. Eigentlich lege ich nicht soviel Wert auf die Inneneinrichtung und Details, aber hier stimmte einfach alles. Auch der freundliche Service. Auf den Tisch wanderten ein kühler Eiskaffee, eine Flasche kaltes Wasser und ein alkoholfreies Weizen.

Für Josefine bestellten wir das volle Verwöhnprogramm in Form einer riesigen Waffel, die unter einer Kugel Vanilleeis, einem dicken Berg Schlagsahne und reichlich Schokoladensirup fast begraben lag. Wie von mir insgeheim bereits kalkuliert vorhergesehen, kapitulierte sie nach der Hälfte dieser mächtigen Kalorienbombe. Ich sprang natürlich ganz uneigennützig als Retter in der Not ein und verputzte den Rest, der selbst für mich noch eine echte Herausforderung darstellte.

Während ich mich zurücklehnte und genüsslich mein alkoholfreies Weizen trank, hatte Josefine die kleine Kinderecke des Cafés entdeckt. Dort schnappte sie sich Buntstifte und Papier und versank völlig vertieft in ihre Malereien, sodass wir diesen rundum gelungenen Nachmittag bei entspannter Atmosphäre ganz in Ruhe ausklingen lassen konnten.

Als wir schließlich wieder am Bahnhof in Krumpendorf ankamen, hatten wir noch ein gutes Polster auf der Uhr, bis unser Bus der Linie 421 zurück zum Maltschacher See eintreffen sollte. Am Bahnsteig herumzustehen war uns zu langweilig, also spazierten wir kurzerhand noch einmal ein Stück in Richtung der kleinen Parkanlage, um die Wartezeit im zu überbrücken. Das Kärntner Sommerwetter hatte für den späten Nachmittag allerdings ganz eigene Pläne. Innerhalb weniger Minuten schob sich eine bedrohlich dunkle Wolkenwand über die Bergkämme und der Himmel verfärbte sich in ein ungemütliches Graublau. Die ersten Regentropfen klatschten auf den Asphalt, während in der Ferne bereits die ersten Blitze zuckten und der Donner hallte. Für Josefine war das das Startsignal für ein echtes Outdoor-Abenteuer.

Anstatt sich einfach unter ein Vordach zu stellen, schaltete sie blitzschnell in den Überlebensmodus. Mit ernster Miene marschierte sie durch das Unterholz des Parks, scannte jedes dichte Gebüsch und prüfte verwinkelte Ecken unter den Bäumen auf ihre Tauglichkeit als Notunterkunft. Sie wollte auf Nummer sicher gehen und schon mal ein wetterfestes Lager für uns bauen, falls uns das Unwetter komplett einholen und wir die Nacht im Freien verbringen müssten. Man weiß ja schließlich nie, worauf man sich bei alpinen Sommergewittern einstellen muss.

Zum Glück blieb uns das Busch-Biwak im Stadtpark erspart. Pünktlich auf die Minute rollte unser Bus an die Haltestelle und wir konnten Josefines Notfallpläne vorerst auf Eis legen. Kaum hatten wir die Rucksäcke abgestellt und uns in die Sitze fallen lassen, öffnete der Himmel endgültig alle Schleusen. Draußen prasselte der Regen, während wir entspannt im Trockenen saßen und uns gemütlich durch den Sommerregen zurück zum Campingplatz chauffieren ließen. Nur auf dem letzte Stück zu Fuß bis zum Campingplatz wurden wir noch nass, allerdings hatte der Regen bereits nachgelassen, sodass es eher erfrischend anstatt unangenehm war.

Nach dem gemeinsamen Abendessen mit Oma und Opa im Wohnmobil zog sich der Himmel auch über dem Maltschacher See bedrohlich zusammen. Die Wolken wurden minütlich dunkler und kündigten das an, was sich schon am Nachmittag abzusehen war. Es dauerte nicht lange, bis das Sommergewitter direkt über unseren Campingplatz rollte und Windböen ordentlich an der Dachzeltplane rüttelte. Als wir schließlich über die Leiter in unser Dachzelt kletterten, wartete dort allerdings noch eine kleine Zusatzaufgabe auf uns. Obwohl die Moskitonetze den ganzen Tag über gewissenhaft verschlossen waren, hatten etliche ungebetene Gäste denselben Gedanken wie wir und suchten verzweifelt nach einem trockenen Unterschlupf vor dem Unwetter. Mit der Fliegenklatsche bewaffnet starteten wir eine ausgiebige Jagd im Schein der Stirnlampe, um die zum Glück wenigen Moskitos und vereinzelte Ameisen aus unserem Schlafgemach zu befördern. Kaum lagen wir unter unseren Decken, setzte der eigentliche Regen ein. Das prasselnde Geräusch der dicken Tropfen auf dem festen Zeltstoff störte uns dabei aber nicht. Ganz im Gegenteil wirkte das gleichmäßige, monotone Trommeln wie eine Einschlafmusik. Zumindest für Josefine, die innerhalb von Minuten eingeratzt war.

Freitag, 07.08.

Der nächste Morgen am Maltschacher See zeigte sich von einer etwas anderen Seite. Am Himmel hingen einige Wolkenfelder, was nach der extremen Hitze der letzten Tage aber eigentlich ganz angenehm war, zumal die Temperaturen trotzdem locker im sommerlich warmen Bereich blieben. Wann immer die Sonne zwischen den Wolkenlücken hervorblitzte, nutzten wir die Gelegenheit, um das Dachzelt nach dem nächtlichen Unwetter komplett durchtrocknen zu lassen.

Das war auch dringend nötig, denn am nächsten Tag stand schon wieder die Weiterreise an. Unser Plan sah vor, das Zelt bereits heute Abend trocken zusammenzuklappen, um am Abreisetag ohne langes Trocknungstheater direkt vom Platz rollen zu können. Nach dem gemeinsamen Frühstück machte sich Opa erst einmal daran, den am Vortag am Wörthersee erstandenen Schwimmring für Josefine startklar machen.

Zum Glück fand sich in den unendlichen Tiefen seines Wohnmobils das passende technische Gerät, sodass er nicht selbst die Puste verlieren musste. Ausgerüstet mit ihrem neuen Lieblingsspielzeug verbrachte Josefine wieder fast den gesamten Vormittag im und am Wasser, zog ihre Runden und testete die Seetauglichkeit des aufblasbaren Gefährts auf Herz und Nieren. Gegen Mittag kehrten wir zurück zu unseren Parzellen, um eine Kleinigkeit zu essen. Die Campingplatz-Nachbarschaft erwies sich als äußerst gesellig, und so dauerte es nicht lange, bis Opa und Josefine wir mitten in einem ausgiebigen „Boule-Turnier“ mit den Nachbarn und deren Kindern steckten.

Josefine warf zwar im ersten Durchgang noch pflichtbewusst ein paar Kugeln mit, erklärte die ganze Angelegenheit nach einer Runde aber kurzerhand für stinklangwelig. Stattdessen schnappte sie sich ihren Malblock samt Buntstiften, setzte sich gemütlich auf die Wiese daneben und hielt das gesamte
Spektakel der ehrgeizig zielenden Erwachsenen mit spitzer Feder auf Papier fest.

Am späten Nachmittag kam dann endgültig noch einmal richtig Schwung in den Tag. Sie knüpfte schnell Kontakt zu ein paar anderen Mädels auf dem Areal, schnappte sich ihr Fahrrad und düste für den Rest des Tages mit ihrer neuen Campingplatz-Bande über die Wege.

Am frühen Abend war das Dachzelt dann auch vollständig trocken, sodass wir anfingen, das es zusammenzubauen, das Autobett fertigzumachen und den Anhänger zu packen, damit wir am nächsten Morgen möglichst wenig zu tun hatten und gemütlich abreisen konnten.

Samstag, 08.08.

Am Vormittag verabschiedeten wir uns noch kurz von unseren netten Parzellennachbarn und rollten dann vom Platz in Kärnten. Da wir die zusätzlichen Tage glücklicherweise schon am Vortag an der Rezeption bezahlt hatten, blieb uns jeglicher Abreisestress erspart und wir konnten ohne bürokratische Zwischenstopps direkt auf die Straße einbiegen.

Unser Weg führte uns 100 Kilometer und 1 1/2 Stunden hinauf ins Salzburger Land, wo wir um kurz nach eins Mauterndorf im Lungau erreichten. Da wir mit dem Auto samt Anhänger eine etwas flottere Passstrecke gewählt hatten, kamen wir ein paar Minuten vor Oma und Opa an, die mit ihrem Wohnmobil die etwas gemütlichere Route nahmen. In der Zeit bis zu ihrer Ankunft hatten wir dann einfacheckt und alle Formalitäten geregelt.

Kaum waren alle Fahrzeuge eingeparkt, startete die gewohnte Aufbau-Routine. Während ich das
Dachzelt aufklappte und die Großeltern ihr mobiles Heim einrichteten, glänzte Josefine allerdings durch Abwesenheit bei der Arbeit. Wir standen praktischerweise direkt vor einem großen Spielplatz, zu dem auch noch ein kleiner Pool gehörte. Ehe ich mich versah, stand sie schon in Badeanzug und Taucherbrille neben mir und sprang mit Anlauf ins Wasser.

Der Campingplatz liegt wirklich genial auf gut 1100 Metern Höhe direkt an einem Gebirgsbach, eingerahmt von den steilen Berghängen des Lungaus. Nur wenige Schritte entfernt ragt die Talstation der Großeckbahn auf, die einen theoretisch bis auf über 2000 Meter hinaufkatapultiert. Für den ersten Tag sparten wir uns den Gipfelsturm allerdings und erkundeten erst einmal zu Fuß das Areal rund um die Bahn, das benachbarte Restaurant und die Platzinfrastruktur.

Auf dem gesamten Gelände herrschte ein lebendiger Familientrubel, überall fuhren Kinder auf Fahrrädern herum oder enterten die Klettergerüste. Josefine knüpfte in Rekordzeit Kontakt zu den Nachbarskindern und war für den Rest des Nachmittags mit ihrer neuen Freundinnen
verschwunden.

Erst als die Dämmerung einsetzte und es draußen merklich abkühlte, sammelten wir sie vom Spielplatz wieder ein. Wir testeten die blitzsauberen, modernen Sanitäranlagen für eine ausgiebige warme Dusche, putzten die Zähne und kletterten schließlich müde in unser Dachzelt.

Erstmals bräuchten wir unsere decken, denn hier in Mauterndorf würde es in der Nacht ganz schön kühl, verglich man dies mit den Tagen davor.

Sonntag, 09.08.

Als ich am nächsten Morgen die Vorzeltplane nach oben rollte, konnte ich mich an der Bergkulisse rund um unseren Stellplatz gar nicht sattsehen. Dabei verdankten wir dieses Fleckchen Erde einem reinen Zufallstreffer. Als ich vor ein paar Tagen am Maltschacher See auf der Suche nach einem passenden Zwischenstopp für unsere Weiterreise nach Maria Alm durch die Buchungsportale scrollte, landete ich eher spontan auf diesem Platz in Mauterndorf.

Im Gespräch mit unseren Campingnachbarn stellte sich schnell heraus, wie gut unsere Entscheidung gewesen war, von Kärnten nicht noch weiter nach Süden bzw. Ins nahegelegen Slowenien oder sogar Kroatien zu fahren. Einige Familien erzählten uns, dass sie auf ihren Touren völlig entnervt abdrehen mussten, weil im Süden schlichtweg alles gnadenlos überfüllt war. Hier in den Salzburger Bergen bzw. Überhaupt in Österreich gab es dagegen selbst mitten in den Sommerferien noch absolut erstklassige Plätze, auf denen sich die Kinder nach Herzenslust austoben konnten.

Bevor wir die Wanderschuhe schnürten, marschierten wir hinüber in den kleinen Campingplatz-Shop. Wir packten eine Tüte voll mit frischen Brötchen und noch warmen Croissants, um Oma und Opa am Wohnmobil mit einem ordentlichen Frühstück zu überraschen. Nach dem zweiten Kaffee und der nötigen Portion Marmelade waren alle Lebensgeister geweckt und wir machten uns startklar für unsere Bergtour.

Unser Weg führte uns direkt zur Talstation der Großeckbahn, die ja praktischerweise nur ein paar gemütliche Schritte vom Campingplatz entfernt lag. Mit der Gondel ging es zügig hinauf auf den Berg, während Mauterndorf unter uns immer kleiner wurde.

An der Kasse der Talstation musste ich kurz schlucken, denn regulär schlägt die Berg- und Talfahrt mit der Großeckbahn pro Person mit satten siebenundzwanzig Euro zu Buche. Da relativierte sich der auf den ersten Blick etwas stolze Übernachtungspreis auf dem Campingplatz Mauterndorf schlagartig. Beim Einchecken hatten wir nämlich die Lungau Card in die Hand gedrückt bekommen. Mit dieser Gästekarte war die Fahrt hinauf auf den Berg für uns alle komplett kostenlos dabei. Wenn man dann noch bedenkt, dass damit auch die Schwimmbäder, der Eintritt in die Burg Mauterndorf, etliche Ermäßigungen und sogar der gesamte öffentliche Nahverkehr in der Region abgedeckt sind, rechnet sich die Platzgebühr schnell.

Zusammen mit den blitzsauberen Sanitäranlagen und dem Pool vor der Zeltwand war der Stellplatz jeden einzelnen Cent wert. Wir stiegen also völlig entspannt aus der Gondel auf knapp 2.400 Meter Höhe aus. Wir traten aus der Station und konnten den Blick über die unzähligen Gipfel und das weite Tal schweifen lassen. Josefine, die sonst eher selten für weite Panoramen zu begeistern ist, stand mit großen Augen an der Absperrung und scannte neugierig die Hänge ab, während wir erst einmal tief durchatmeten und die kühle Höhenluft genossen.

Kaum hatten wir die ersten Schritte auf dem Bergplateau gemacht, meldete sich bei mir schon wieder der Hunger. Praktischerweise lag die Speiereckhütte nur ein paar Höhenmeter weiter oben. Bei der Wahl des Aufstiegs trennten sich allerdings kurz unsere Wege. Oma und Opa entschieden sich vernünftigerweise für den befestigten Schotterweg mit moderater Steigung, während Josefine und ich die direkte Variante wählten.

Wir kraxelten querfeldein über die Wiese und Trampelpfade den Hang hinauf. Oben an der Hütte angekommen, sicherten wir uns erst einmal einen der letzten Plätze auf der gut besuchten Hütte mit weitem Blick über das Tal.

Irgendwo unter uns im Tal liegt ein Segelflugplatz, und das Speiereck ist für seine perfekte Thermik bekannt. So konnten wir ganz entspannt dabei zuschauen, wie die Segelflieger lautlos ihre Kreise zogen, sich an den Hängen nach oben schraubten und fast auf Augenhöhe an uns vorbeigleiteten.

Während man sich auf der Hütte natürlich standesgemäß eine zünftige Brettljause und ein kühles Bier schmecken lassen konnte, fiel meine Wahl auf den frisch gebackenen Flammkuchen mit Speck und Zwiebeln. Der Boden war kross, der Belag deftig und nach der kleinen Kletterpartie genau die richtige Belohnung. Wir saßen in der Sonne, ließen es uns schmecken.

Gegen vierzehn Uhr machten wir uns so langsam an den Rückweg von der Speiereckhütte. Der Flammkuchen war verputzt, die Segelflieger hatten ihre Runden gedreht und die Beine waren wieder einsatzbereit. Während Oma und Opa vernünftigerweise wieder auf den befestigten, Schotterweg abbogen, suchten Josefine und ich uns natürlich die etwas abenteuerlichere Variante über die
Almwiesen.

Geradeaus über die grünen Hänge zu marschieren klang auf dem Papier nach einer super Abkürzung. In der Praxis stießen wir allerdings ziemlich schnell auf eine ziemlich stattliche Kuhherde, die es sich exakt auf unserem schmalen Trampelpfad gemütlich gemacht hatte. Die Tiere kauten mit stoischer Gelassenheit ihr Gras und machten keinerlei Anstalten, für uns auch nur einen Millimeter Platz zu machen. Josefine musterte die massiven Vierbeiner mit einer gesunden Mischung aus Neugier und Respekt, während ich im Kopf kurz durchging, wie man sich im alpinen Gelände vorschriftsmäßig an weidendem Rindvieh vorbeimogelt.

Mit betont ruhigen Schritten und einem großzügigen Sicherheitsabstand wählten wir einen weiten Bogen, um das private Wiederkäuen der Herde nicht unnötig zu stören. Die Kühe würdigten uns nur mit einem kurzen, desinteressierten Blick, bevor sie sich wieder ihren Bergkräutern widmeten.
Nach diesem kleinen Hindernislauf erreichten wir wohlbehalten und mit sauberen Schuhen, sprich ohne Tritt in eine Kuhfladen, die Bergstation der Großeckbahn, wo Oma und Opa auf ihrem gemütlichen Weg nur ein paar Minuten später eintrafen und wir uns wieder für die Talfahrt sammelten.

Oben an der Bergstation hatten Josefine und ich tatsächlich kurz mit dem Gedanken gespielt, die gut zwei Stunden Abstieg ins Tal auf Schusters Rappen zurückzulegen. Die sportliche Motivation verflog dann allerdings ziemlich zügig, als uns wieder einfiel, was unten an der Talstation auf uns wartete. Direkt an der Talstation liegt nämlich das Smarty-Land, ein kleiner aber feiner Kinderfreizeitpark mit einer Hüpfburg, Trampolinen und einer langen Wasserrutschbahn. Da wir das Nachmittagsprogramm vor dem Feierabend der Anlage noch voll auskosten wollten, sparten wir uns die Höhenmeter in den Kniegelenken, stiegen wieder brav in die Gondel und schwebten entspannt nach unten. Dort angekommen spielte unsere Lungau Card direkt den nächsten Trumpf aus, denn auch der Eintritt in das Areal war mit der Gästekarte für Josefine komplett kostenlos dabei. Kaum hatten wir das Drehkreuz passiert, stürmte sie los, kletterte über die aufblasbaren Hindernisse, probierte dies und das aus und rutschte ein paar Mal mit teils ängstlichen Gesicht die Wasserrutschenbahn runter.

Opa und ich hingegen suchten uns zwei freie Plätze im Schatten, legten die Beine hoch und schauten dem Gewusel auf dem Gelände ganz entspannt zu. Tatsächlich gibt es hier auch eine kleine Quadstrecke, die allerdings gut besucht war, und man hätte etwas länger warten müssen. In der Zeit verlor Josefine schnell ihre Lust an den paar Freizeitmöglichkeiten und entschied sich, Opa und mich an die Hand zu nehmen, zum Campingplatz zu gehen und sich für den Pool bereitzumachen.

Zurück am Campingplatz gab es erst einmal eine dringend nötige Stärkung für die letzten Energiereserven. Josefine zog ihren heißgeliebten Schokoladenpudding aus der Tasche, schüttete eine ordentliche Portion Smarties darüber und verspeiste das Ganze mit viel Genuss, bevor sie nach einer kurzen Pause wieder in die Badesachen schlüpfte.

Ihr Ziel: der kleine Pool am Platz. Dort dauerte es keine fünf Minuten, bis Josefine Anschluss fand und sich mit einem niederländischen Mädchen anfreundete. Eine gemeinsame Sprache brauchte es nicht, um sich zu verstehen. Mit Händen, Füßen und jeder Menge wilder Gesten funktionierten die Verständigung und das gemeinsame Planschen zwischen Josefine und Veerle tadellos. Als das Wasser dann doch merklich abkühlte und die Gänsehaut nicht mehr zu leugnen war, kletterten die beiden aus dem Becken, warfen sich trockene Klamotten über und verbrachten den restlichen Abend beim Schaukeln und Trampolinspringen auf dem Spielplatz, bevor sie sich zum Malen in unsere Vorzelt verkrochen.

Oma hatte sich für diesen Abend derweil in den Kopf gesetzt, ein echtes Fünf-Sterne-Menü auf den Campingplatz zu zaubern. Das Resultat war ein bodenständiger Klassiker, denn es gab Kartoffelsalat mit Schinkenwürstchen, gepaart mit einer großzügigen Portion Ketchup und Senf.

Als es langsam zu dämmern anfing und uns beiden noch ein bisschen die Hummeln im Hintern juckten, brachen Josefine und ich noch einmal zu einem kleinen Spaziergang oberhalb der Talstation auf. Wir streiften durch den dichten Wald und erfanden in unserer Fantasie die wildesten Abenteuer.

Ganz ohne Blessuren ging der Tag allerdings nicht zu Ende, denn bei Spielen mit den anderen Kindern am späten Abend knickte Josefine kurz um. Zum Glück waren unsere netten Nachbarn zur Stelle, kümmerten sich sofort um den kleinen Zwischenfall und trugen sie wohlbehalten zu uns zurück. Mit einem Kühlpack auf dem Fuß war der Schreck schnell verflogen.

Montag, 10.08.

Nach dem Frühstück schnürten wir die Schuhe für einen Ausflug zur Burg Mauterndorf. Vom Campingplatz aus waren es gerade einmal knapp zwei Kilometer zu Fuß, die sich über einen gemütlichen Wanderweg entlang des Flusses Taurach wie von selbst liefen.

An der Kasse zur Burg zückten wir triumphierend unsere Lungau Card, mit der auch dieser Eintritt für uns alle komplett kostenlos war. Wir rüsteten uns an der Rezeption mit Audioguides aus, wobei Josefine eine spezielle Kinderversion bekam. Auf ihrer Spur begleitete sie der Gaukler Xaver Wuschelkovsky, was die alten Geschichten über das mittelalterliche Leben und das harte Geschäft der Zolleintreiber erstaunlich spannend machte.

Der gesamte Rundgang entpuppte sich als echter Volltreffer. In den historischen Gemächern stießen wir auf eine Verkleidungsecke mit mittelalterlichen Gewändern. Natürlich ließen wir uns die Gelegenheit nicht entgehen, schlüpften in die Samtumhänge und Hüte und schossen ein paar herrlich alberne Erinnerungsfotos.

Danach nahmen wir den gewaltigen, über vierzig Meter hohen Wehrturm in Angriff. Stufe für Stufe ging es hinauf, bis wir ganz oben die Aussicht über das gesamte Tal und die schroffen Tauernkämme vor uns hatten.

Im Burghof wartete anschließend ein toller angelegter Spielplatz auf uns, wo Josefine noch ausgiebig kletterte und rutschte. Allerdings meldete sich bei Josefine und mit ziemlich lautstark der Magen. Da weit und breit keine Shop oder Büdchen erreichbar war, plunderte ich kurzerhand den Snackautomaten der Burg. Ich versenkte etliche Euro in dem Gerät und zog von Schokoriegeln bis hin zu kleinen Kuchen und Nusstüten alles heraus, was die Spirale freigab, um den ersten Hunger notdürftig zu stillen.

Es war super zu sehen, mit wie viel Neugier und Ausdauer Josefine den doch recht langen Weg durch die Geschichte gemeistert hatte, bevor wir uns langsam wieder auf den Rückweg zum Campingplatz machten.

Auf dem Rückweg von der Burg zogen Josefine und ich das Tempo etwas an, sodass wir Oma und Opa bald hinter uns gelassen hatten. Auf halber Strecke stießen wir auf eine Parkbank und eine Frau, die sich in einer ziemlich misslichen Lage befand. Auf ihren Knien thronte eine tiefenentspannte Katze, die jede Bewegung der Wanderin im Keim erstickte.

Als sie uns erblickte, sah sie ihre rettende Chance gekommen, um endlich aufzustehen und ihren Weg fortzusetzen. Josefine war als erklärte Tierliebhaberin natürlich sofort Feuer und Flamme und übernahm die schnurrende Geiselnehmerin liebend gern auf den eigenen Schoß. Das Tier war extrem anhänglich und genoss die Streicheleinheiten in vollen Zügen. Als die Katze sich nach einigen Minuten aber selbst dazu bequemte, aufzustehen und weiterzuziehen, ergriffen wir eilig die Gelegenheit zur Flucht, bevor die nächste Schmuserunde begann.

Statt auf dem bequemen Hauptweg zu bleiben, schlug unser Entdeckergeist wieder zu. Wir fanden einen kleinen Trampelpfad und beschloss spontan, dass dieser Abstecher eine fantastische Idee sei. In der Realität bedeutete das allerdings einen echten Hindernislauf. Wir kämpften uns durch dichte Brennnessel und über halb zugewachsene Waldpfade, während der Hang ordentlich steil nach oben zog. Nach einigen Höhenmetern spuckte uns das Dickicht schließlich nicht wie erhofft direkt am Campingplatz aus, sondern ein gutes Stück weiter oben am Hang über der Talstation der Großeckbahn.

Josefine musterte mich mit einem stolzen Blick, der wohl so viel bedeutete, dass sie als Bergführerin alles in Griff hatte, bevor wir die letzten Meter über den Schotterweg hinunter zu unseren Parzellen antraten.

Nachdem uns die Kletterpartie durchs Gestrüpp ordentlich den Schweiß auf die Stirn getrieben hatte, gab es am Platz nur noch eine einzige logische Konsequenz. Eine Abkühlung musste her, und zwar ohne jeden Verzug. Auch Opa sah nach seinem Fußmarsch so aus, als könnte er eine Erfrischung mehr als gut vertragen. Also warfen sich Enkelin und Großvater eilig in ihre Badesachen und sprangen gemeinsam mit großem Hallo in den Pool.

Oma und ich gingen den späten Nachmittag deutlich entspannter an. Wir machten es uns mit kühlen Getränken in den Campingstühlen vor dem Wohnmobil gemütlich, streckten die Beine aus und schauten dem lebhaften Treiben auf dem Gelände zu und immer wieder auch auf unsere Tablets. Die Nachmittagssonne leistete währenddessen ganze Arbeit und trocknete den Zeltstoff unseres Dachzelts bis auf die letzte Faser durch. Da am nächsten Morgen wieder die Weiterreise anstand, nutzten ich die Zeit für das bewährte Abreise-Prozedere.

Ich räumte die Kisten auf, verstaute das Zubehör sicher im Anhänger und sortierte unser gesamtes Gepäck durch. Anschließend klappte ich das Dachzelt ein und zurrten die Plane fest. Wie schon bei den vorherigen Etappen sparten wir uns so das morgendliche Abbau-Theater und richteten uns für die letzte Nacht ganz unkompliziert unser Nachtlager direkt im Auto ein.

Da nach dem langen Tag wirklich niemand mehr Lust verspürte, den Campingkocher anzuwerfen oder im Waschhaus den Abwasch zu erledigen, machten wir es uns ganz einfach. Wir spazierten die paar Meter hinüber zur Schi-Alm, die direkt neben der Talstation der Großeckbahn liegt und mit ihrer urigen Holzterrasse genau das richtige Ziel für einen faulen Urlaubsabend bot.

Die Speisekarte las sich wie das Best-of der österreichischen Hüttenküche, sodass die Entscheidung fast ein bisschen schwerfiel. Zwischen deftigen Klassikern wie saftigem Leberkäse, frisch gebratenen Grillwürsteln, knusprig panierten Wiener Schnitzeln und dampfenden Käsespätzle fand am Ende jeder von uns seinen persönlichen Favoriten. Nach den Kilometern in den Beinen schmeckte das Abendessen gleich doppelt so gut. An die Kalorien dachte an diesem Tisch ohnehin niemand mehr, also musste natürlich noch eine standesgemäße Nachspeise her. Josefine bestellte sich zielsicher einen bunten Kindereisbecher, während Oma und Opa sich gemeinsam an einen gewaltigen Liebesbecher wagten. Mit reichlich Sahne, Himbeeren und zwei Löffeln bewaffnet machten sich die beiden über die süße Kreation her.

Schaut auf die Schnappschüsse. Sehen sie nicht nach Jahrzehnten als verheiratetes Paar noch frisch
verliebt aus.

Zurück auf dem Campingplatz herrschte noch Ausnahmezustand, denn gefühlt dreißig bis vierzig Kinder verwandelten das Areal bis in den späten Abend in ihren persönlichen Abenteuerspielplatz. Überall sausten Gruppen bin Kinderscharen im Schein der Platzlaternen umher, spielte Fangen, Verstecken und alles, was ihnen sonst noch einfiel. Für die versammelte Elternschaft war das natürlich ein unverhoffter Glücksfall, denn fast alle nutzten die plötzliche Ruhe, um einfach mal die Füße hochzulegen oder ganz entspannt ein Glas Wein zu trinken. Ich machte es mir mit Oma und Opa im Wohnmobil gemütlich, streckte mich auf der Bank aus und nutzte die Gunst der Stunde für mein Tablet. Dort hatten sich in meinem Readly-Abonnement schon etliche ungelesene Magazine gestapelt, die ich nun endlich mal völlig ohne Unterbrechungen durchblättern konnte.

Erst als es draußen stockdunkel war und die anderen Kinder nach und nach von ihren Eltern ins die Wohnwagen oder Wohnmobile zitiert wurden, klopfte Josefine mit roten Wangen an die Wohnmobiltür. Ohne das elterliche Schlafkommando ihrer neuen Freundinnen wäre sie wahrscheinlich noch bis Mitternacht über die Wiesen geflitzt. Wir schnappten uns die Kulturtaschen, marschierten für den letzten schnellen Waschgang ins beheizte Sanitärgebäude und putzten die Zähne. Danach kletterten wir direkt in unser fertig vorbereitetes Nachtlager im Auto, zogen die Decken ans Kinn und schliefen schnell ein.

Dienstag, 11.08.

Abfahrt! Es war ein herrliche Wetter am diesen Morgen und durch die zum größten Teil bereits verstauten Sachen, gab es kein Abreisestress, sodass wir entspannt nach dem Frühstück, Zähneputzen und Duschen in die Autos stiegen und losfuhren. Doch Stop. Ein kurzer Halt am Rezeptionshäuschen zum Check-Out war natürlich angesagt. Mein Blick fiel auf die Prospekt mit Winterlandschaftsbildern hier vom Campingplatz. Mensch, dass wäre doch auch super… ab auf die Bucket-List.

Unser nächstes Ziel war nur 1 1/2 Stunden entfernen. Maria Alm und läutet quasi die den Rückweg in mehren Etappen ein. In Maria Alm wartete meine Schwester, mein Schwager, meine Neffen und eine befreundete Familie, bei denen wir für eine Übernachtung einen Stopp einlegen wollt.

Wir vermieden die Mautautobahn A10 und schlängelten uns über die 99 und 164 in Richtung Pinzgau. Zur Sicherheit lag die bewährte Spucktüte griffbereit im Handschuhfach, denn scharfe Kurven und empfindliche Kindermägen sind bekanntlich keine idealen Reisebegleiter. Diesmal blieb der Notfallbeutel aber glücklicherweise völlig unberührt und wir meisterten jede Kehre ohne Zwischenfälle.

In Maria Alm angekommen, fuhren wir fast bis zum allerletztem Haus des Ortes. Die Wiedersehensfreude fiel riesig aus. Besonders Josefine strahlte über das ganze Gesicht, als sie ihre beiden Cousins und Familienhund Lissi in Beschlag nahm. Obwohl die beiden Jungs als Teenager beziehungsweise fast schon Erwachsener einen ordentlichen Altersunterschied zu unserer Achtjährigen mitbringen, lagen sie sich beim Wiedersehen in den Armen.

Oma und Opa traten die Fahrt ins Salzburger Land zwar ebenfalls an, bei der Stellplatzsuche trennten sich unsere Wege allerdings. Während wir dank der herzlichen Gastgeberfamilie direkt am Rand des Hofes unser Lager aufschlagen durften, wofür die Kinder des Hauses ein kleines Taschengeld für das Sparschwein bekamen, steuerten die Großeltern mit ihrem Wohnmobil einen offiziellen Stellplatz auf der anderen Seite des Dorfes an.

Da unser Stopp in Maria Alm im Grunde schon den Auftakt der Heimreise markierte, blieb uns leider nur eine einzige Nacht. Um die verbleibenden Stunden bis zur Abreise trotzdem voll auszukosten, ließen wir unser Auto am Hof stehen, stiegen ins Auto meiner Schwester und fuhren hinunter in den Ortskern und peilten direkt die Talstation der Natrunbahn auf gut achthundert Metern Höhe an.

Mit der gesamten Reisegruppe, bestehend aus meiner Schwester, ihrem Mann, den Cousins, Josefine und dem Familienhund, stiegen wir in die Gondel. Oben an der Bergstation auf rund 1163 Metern spuckte uns der Lift direkt am sogenannten Prinzenberg Natrun aus.

Wir marschierten los über die gut ausgebauten Pfade in Richtung Prinzensee. Die Sonne brannte hier oben ganz schön heftig auf meinem Nacken, sodass ich mir das T-Shirt bis zu den Ohren hochzog, um nicht noch an den letzten Tagen einen kräftigeren Sonnenbrand zu kriegen.

Oben am Prinzensee angekommen, schlug uns die Nachmittagshitze mit voller Wucht entgegen. Auf
dem baumlosen Hochplateau brannte die Sonne unbarmherzig vom Himmel, und weit und breit war
kein einziger Quadratzentimeter Schatten in Sicht. Das Wasser des künstlich angelegten Speicherteichs schimmerte verführerisch türkisblau und rundherum ließen sich einige Wanderer entspannt im kühlen Nass treiben.

In diesem Moment rächte sich unsere leichtfertige Packdisziplin bitter, denn natürlich lagen all unsere Badesachen im Auto. Für einen kurzen Augenblick dachte ich ernsthaft darüber nach, den gesellschaftlichen Konventionen zu trotzen und einfach in Unterhose hineinzuspringen. Die Einzige in unserer Truppe, die sich das Privileg einer Erfrischung sicherte, war Lissi, der Hund meiner Schwester. Während wir mit schwitzend am Ufer standen, stapfte der Vierbeiner zielstrebig über die
flachen Ufersteine und kühlte sich zumindest die Pfoten und den Bauch im klaren Bergwasser ab.

Wir traten die gemütliche Halbumrundung des Sees über den breiten Panoramaweg an. Auf den rund vierhundert Metern Uferlinie eröffneten sich grandiose Ausblicke auf die steilen, kargen Kalkfelsen des Steinernen Meers und das wuchtige Hochkönigmassiv.

Durch die Hitze klebten uns die Zungen förmlich am Gaumen, und die kollektive Sehnsucht nach einem kühlen Getränk überlagerte jeden weiteren Entdeckerdrang. Wir wollten so schnell wie möglich zur nächsten Hütte, um unseren Durst zu löschen. Bevor wir allerdings auch nur einen Meter vorankamen, entbrannte an der Weggabelung eine eine kurze Grundsatzdiskussion zwischen meiner Schwester und ihrem Sohn über die einzig wahre Routenführung. Wir ließen die beiden ihre navigatorischen Differenzen kurz ausdiskutieren und einigten uns schließlich
auf einen entspannten, breit geschotterten Wanderweg.

Auf rund 1120 Metern Höhe erreichten wir schließlich die Jausenstation Grammlergut. Die Hütte lag nach dem heißen Marsch perfekt am Weg, und während meine Tochter und ihr Cousin sofort den großen Erlebnisspielplatz direkt neben der Terrasse ansteuerten, sicherten wir Erwachsenen einen Platz im Innenraum, da die Aussichtsterrasse voll belegt war. Um den Durst und den knurrenden Magen meiner Tochter schnell zum Schweigen zu bringen, orderten wir eine ordentliche Ladung knusprige Pommes, kühles Bier und Softdrinks.

Auf der Terrasse herrschte reger Betrieb, sodass der Kellner uns schon vorsorglich darauf einstimmte, dass Küche und Schank etwas Vorlaufzeit bräuchten. Am Ende ging dann aber doch alles erstaunlich flott, und die heißen Pommes standen schneller auf dem Holztisch als gedacht.

Gleich neben der Hütte standen auf einer Wiese einige Holzbänke und bequeme Liegestühle mit direktem Blick auf die schroffen Felswände des Hochkönigmassivs. Diese Gelegenheit konnten wir natürlich nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Es artete in eine kleine Fotosession aus, bei der nacheinander jeder aus der Truppe in die Liegestühle verfrachtet wurde, um das perfekte Urlaubsmotiv vor den Berggipfeln abzuliefern. Nachdem alle Bilder im Smartphone waren, machten uns an das nächste Stück unseres Weges.
Rutschen im Walderlebnispark

Der folgende Abschnitt unseres Abstiegs entpuppte sich als einer der genialsten Schachzüge des Tages. Wir bogen vom klassischen Wanderweg ab und steuerten direkt den Waldrutschenpark am Natrun an.

Wer jemals versucht hat, eine Siebenjährige nach einer deftigen Hüttenmahlzeit noch für etliche Gehminuten bergab zu begeistern, weiß diese Erfindung zu schätzen. Insgesamt fünf Edelstahlrutschen mit Längen zwischen fünfundzwanzig und fünfundfünfzig Metern sind mitten in den Bergwald gebaut. Sie ersparten uns nicht nur unzählige Höhenmeter zu Fuß, sondern katapultierten den Spaßfaktor schlagartig in die Höhe.

Bevor es losging, stand Josefine allerdings erst einmal mit großen Augen und spürbarem Respekt vor dem ersten Tunneleingang. Die Röhren wirkten von außen ziemlich dunkel und verschwanden irgendwo tief im dichten Grün der Bäume. Für die ersten beiden Durchgänge schnappte ich sie mir deshalb kurzerhand auf den Schoß und wir sausten im Doppelpack durch die Kurven.

Schon an der dritten Station schob sie mich zur Seite, kletterte ganz ohne Begleitschutz in die Röhre und meisterte die steilsten Kurven mit Bravour. Die letzte Rutsche wurde dann direkt mit ihrem Cousin mehrmals in Anspruch genommen, sodass wir mit Spaß in den Backen den letzten Meter ins Tal gehen.

Wir traten die verbleibenden Höhenmeter hinunter nach Maria Alm an und folgten den Pfaden, die im Winter als Skipisten dienen und direkt zu den Talstationen der verschiedenen Lifte führen. Wo sich in der kalten Jahreszeit die Massen auf Skiern den Berg hinunterschieben, stapften wir nun bei bestem Sonnenschein über den Hang.

Am Wegesrand passierten wir Après-Ski-Hütten. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie hier im Winter die Bässe wummern, der Glühwein fließt und die Luzi über die Tische tanzt. Wir schlenderten gemütlich aus dem Hang heraus.

Unten im Tal angekommen, wurden wir bereits von meinem Schwager erwartet, der die Wartezeit zusammen mit dem Familienhund im Schatten verbracht hatte. Wir verstauten den Hund im Kofferraum und stiegen alle gemeinsam ins Auto, um die kurze Strecke hinauf zu den letzten Häusern des Dorfes zurückzulegen.

Kaum hatten wir die Tür zur Ferienwohnung aufgesperrt, ließ sich der Teenager mit seiner Cousine auf die Matratzen fallen. Binnen Sekunden waren Smartphones und Tablets gezückt. Ich sicherte mir den besten Platz auf dem Balkon, stellte die Beine auf das Holzgeländer, öffnete mir eine Flasche alkoholfreies Bier und schaute einfach nur auf die mächtigen, grauen Kalkwände des Steinernen Meers.

Als die Sonne tiefer sank, zog es uns alle wieder nach draußen vor das Haus. Zusammen mit der befreundeten Familie saßen wir im Hof, köpften ein paar kühle Getränke und verquatschten uns. Josefine hatte derweil schon wieder eine wichtige tierische Mission übernommen. Zuerst kraulte sie ausgiebig die verschmuste Bauernkatze, bevor sie den Hasenstall inspizierte und die Nager mit frischen Löwenzahnblättern versorgte.

Während ich mich daranmachte, im Kofferraum unser Autos unser Nachtlager herzurichten, feierte die junge Generation noch eine Verlängerung. Josefine hüpfte zusammen mit ihren Cousins und den Kindern der Vermieterfamilie bis in die späte Dämmerung auf dem großen Gartentrampolin herum. Als es schon stockduster war, schnappten wir uns die Zahnbürsten, huschten noch einmal hinauf in die Wohnung meiner Schwester und machten uns im Bad fertig. In der Küche lief noch Musik, zu der Josefine vor dem Zähneputzen noch eine kleine Tanzeinlage aufs Parkett legten und mit ihrem Cousin den Song „Aura“ rappte.

Um halb elf sagten wir „Gute Nacht“ gingen hinunter auf den Parkplatz, kletterten in den Wagen und krochen unter die Decke.

Mittwoch, 12.08.

Der strahlend blaue Himmel und die ersten Sonnenstrahlen über den Bergen kündigten einen Bilderbuchmorgen an, doch die Weckfunktion übernahm an diesem Tag ganz unromantisch der echte Bauernhofbetrieb. Unser Auto stand praktischerweise direkt gegenüber der großen Scheune. Pünktlich rollten die Traktoren an, Werkzeuge schepperten, Motoren brummten und die Familie belud emsig ihre
Fahrzeuge für das anstehende Tagwerk. An Ausschlafen war absolut nicht zu denken. Ein Beinbruch war das allerdings nicht, denn so kamen wir wenigstens ohne jede Trödelei aus den Federn und hatten noch reichlich Zeit für ein entspanntes Morgenprogramm.

Bevor wir losfahren konnten, stand für Josefine selbstverständlich noch der offizielle Rundgang zu den vierbeinigen Hofbewohnern an. Die verschmuste Hofkatze holte sich schnurrend ihre letzte Dosis Streicheleinheiten ab, und auch die Hasen im Stall bekamen noch eine finale Handvoll Löwenzahn serviert. Danach huschten wir noch einmal die Treppen hinauf und nutzten das Badezimmer zur Katzenwäsche und Zähne schrubben.

Noch schnell eine Frühstückstoast gemacht und dann war es Zeit sich zu verabschieden. Wir steuerten den Wagen talwärts, ließen Maria Alm hinter uns und nahmen die Bundesstraße unter die Räder, um wenig später die Grenze zu überqueren und die nächste Etappe auf deutschem Boden anzusteuern. Die Spucktüte lag natürlich bereit, kam aber heute glücklicherweise nicht zum Einsatz.

Vor uns lagen gut 150 Kilometer Fahrt, die uns weg von den Felswänden, vorbei an Saalfelden und über die Grenze bei Kiefersfelden führten. Weiter ging es über die Inntalautobahn und an Bad Tölz vorbei direkt hinein ins bayerische Voralpenland. Kurz vor dem Grenzübergang machte uns dann allerdings die Realität des Reiseverkehrs einen Strich durch die Rechnung. Wegen eines Unfalls ging plötzlich gar nichts mehr, und die Blechlawine schob sich im Schneckentempo vorwärts. Am Ende hatten wir aber noch richtig Glück im Unglück, denn nach einer knappen halben Stunde Stop-and-go rollten wir an der Unfallstelle vorbei und hatten endlich wieder freie Fahrt auf der deutschen Autobahn.

Um 14 Uhr bogen wir dann aber in Saulgrub ein Das kleine Dorf liegt auf knapp 900 Metern Höhe mitten im Naturpark Ammergauer Alpen, eingerahmt von weiten Moorwiesen, dem nahen Soier See und den Bergrücken des Hörnle, während nur ein Stück weiter die Ammer rauscht.

Hier wartete ein echtes Stück Jugenderinnerung auf mich, denn in Saulgrub wohnt ein alter Schulfreund mit seiner Familie. Was früher einmal das klassische Feriendomizil für ihn und seine Familie war, ist mittlerweile seit Jahren sein fester Lebensmittelpunkt. Wir wurden herzlich empfangen und durften unser Auto ganz unkompliziert direkt vor der Garage abstellen, um dort später unser Nachtlager aufzuschlagen. Kaum öffnete sich die Haustür, trat auch schon der vierbeinige Hausherr auf den Plan.

Der Familienhund musterte unsere kleine Reisegruppe zuerst mit skeptischem Blick und lauten Gebelle. Nach ein paar vorsichtigen Schnufflern an unseren Hosenbeinen brach das Eis. Die Rute wedelte und der Vierbeiner akzeptierte uns in seinem Reich. Im Haus selbst wartete dann die eigentliche Überraschung des Tages auf mich. Ich lernte nicht nur zum allerersten Mal seine Frau persönlich kennen, sondern bekam auch völlig unerwartet ein winziges
Bündel Mensch zu sehen. Ich hatte schlichtweg keine Ahnung gehabt, dass mein alter Kumpel vor kurzem Vater geworden war. Entsprechend groß waren meine Augen, als mir der fast noch druckfrische Nachwuchs präsentiert wurde. Als wäre die Hütte damit nicht schon lebendig genug gewesen, stand noch ein weiteres Familientreffen auf dem Programm. Sein Bruder war mitsamt eigener Familie ebenfalls vor Ort. Sie befanden sich auf dem Weg an den Gardasee. So saßen wir plötzlich in einer großen Runde am Gartentisch und erzählten über alte Zeiten.

Am späten Nachmittag formierte sich ein Teil der Familie zu einer kleinen Ausflugsgruppe. Mit Kinderwagen, Kind, Hund, Megge und seiner Frau zogen wir los, ließen die letzten Häuser von Saulgrub hinter uns und marschierten ein kurzes Stück über Felder und Wald hinunter zum Fluss. Unser Ziel war eine versteckte kleine Lichtung direkt am Ufer der Ammer, wo das Wasser über flache Kieselsteine rauschte.

Im Rucksack hatten wir vorsorglich den Bikini für Josefine eingepackt. Als sie jedoch die ersten Zehen in die Ammer tauchte, gefror ihr das Lächeln kurz auf den Lippen. Das Gebirgswasser hatte sportliche vierzehn Grad, was sich eher nach flüssigen Eiswürfeln als nach Sommerfrische anfühlte. Nach einigen Sekunden des Zögerns und lautem Quietschen siegte aber die kindliche Abenteuerlust. Sie watete mutig hinein, ließ sich ein paar Meter von der sanften Strömung treiben und kletterte mit strahlenden Augen wieder an Land.

Für mich gab es nach diesem heroischen Auftritt meiner Tochter natürlich kein Zurück mehr. Badesachen hatte ich zwar keine griffbereit, aber mein alter Schulkamerad witterte sofort seine Chance und bearbeitete mich mit geballtem bayerischen Halbwissen. Ein Bad in der eiskalten Ammer sei pure Naturmedizin, stärke die Abwehrkräfte und bringe müde Knochen wieder auf Trab, was mein vom Camping gebeutelter Körper schließlich bitter nötig habe.

Also zog ich bis auf die Unterhose blank und stieg ins Wasser. Im ersten Moment blieb mir schlichtweg die Luft weg und ich stand gefühlt kurz vor dem Herzstillstand. Als ich dann aber bis zu den Schultern eingetaucht war, wich der Kälteschock einem prickelnden Adrenalinschub. Es war einfach herrlich an diesem Ort.

Am liebsten wäre ich dort noch ein bisschen länger geblieben, aber wir hatten am Abend noch etwas vor.

Zurück in Altenau, dem kleinen Ortsteil von Saulgrub im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, machten wir uns erst einmal landfein für den anstehenden Abend. Statt kurzer Hose stieg ich das erste Mal in diesem Urlaub in eine Jeans. Die nassen Badesachen und meine etwas strapazierte Unterhose landeten über der Gartenstuhllehne im Garten, wo die späte Nachmittagssonne ihr Bestes gab. Wir warfen uns in frische Klamotten und stiegen am frühen Abend alle zusammen in das Auto unserer Freunde, um die paar Kilometer hinüber nach Oberammergau zu rollen.

In Oberammergau angekommen, trafen wir auf den Rest der Familie meines Schulfreundes, um gemeinsam im Wirtshaus O’Gau einzukehren. Auf meinem Teller landete schließlich das wohl beste Cordon bleu meines Lebens. Die Panade war goldbraun und herrlich kross und statt einfachen Käse, gab es eine Füllung aus Frischkäse, Speck und Lauch zusammen mit Käsespätzle.

Nach dem Essen gab es für die Nachwuchsriege kein Halten mehr. Josefine und die Nichte von Megge forderten lautstark ihren Nachtisch ein, also schlenderten wir gemeinsam durch den historischen Ortskern auf der Suche nach der nächsten Eisdiele. Dabei kam ich aus dem Schauen kaum heraus, denn Oberammergau ist weltbekannt für seine kunstvolle Lüftlmalerei. An den Außenfassaden der alten Bürgerhäuser prangen riesige, farbenfrohe Fresken, die im achtzehnten Jahrhundert als Zeichen des Wohlstands auf den frischen Putz gemalt wurden.

Franz Seraph Zwinck hatte diese Scheinarchitektur damals perfektioniert. An der Eisdiele angekommen, war die Kulturgeschichte dann allerdings schlagartig vergessen. Josefine diktierte der Dame hinter der Theke mit ernster Miene ihre genaue Bestellung. Es musste natürlich ein gewaltiger Eisbecher sein, bestückt mit zwei großen Kugeln, einer geradezu unanständigen Menge Schlagsahne. Mit dem Eisbecher in der Hand ging es dann noch ein bisschen durch die Straßen von Oberammergau zurück zum Auto.

Da für einen Teil der Familie am nächsten Morgen die Weiterfahrt über den Brenner an den Gardasee anstand und bei Megge samt Frau sowohl der Wecker für die Arbeit als auch der ganz normale Wahnsinn mit dem Neugeborenen wartete, machten wir nach der Rückkehr aus Oberammergau keine großen Anstalten mehr für eine lange Nacht. Wir nutzten das Badezimmer unserer Gastgeber. Nach einer schnellen Runde mit der Zahnbürste und dem Waschlappen verabschiedeten wir uns leise von der versammelten Mannschaft und schlichen nach draussen.

Vor der Garage wartete unser treuer Wagen, der mittlerweile zur rollenden Schlafkabine umfunktioniert war. Es hatte schon eine gewisse Slapstick-Komponente, wie Josefine und ich uns unter den wachsamen Blicken der Nachbarschaft nacheinander durch die schmale Schiebetür ins Wageninnere fädelten, die Beine einfalteten und uns zum Schlafengehen einrichteten. Wir zogen die Schiebetür mit einem satten Klacken ins Schloss und wickelten uns in die Decken.

Donnerstag, 13.08.

Als wir am nächsten Morgen aus unserer rollenden Schlafkabine kletterten, stand Megge bereits adrett im feinen Anzug vor uns. Wir klopften uns noch einmal kräftig auf die Schultern, verabschiedeten uns herzlich bis zum nächsten, noch ungewissen Wiedersehen und sahen zu, wie er ins Auto stieg, um pünktlich zu seinen Arbeitsterminen aufzuschlagen.

Im Haus selbst herrschte schon wieder das pure Reisefieber, allerdings auf zwei völlig verschiedenen Etagen. Unten im Erdgeschoss packte Megges Bruder mit seiner Familie die letzten Taschen für die Weiterreise über die Alpen an den Gardasee zusammen, während oben im ersten Stock für uns der entspannte Teil des Morgens begann. Wir waren zum Frühstück eingeladen, und Megges Frau empfing uns zusammen mit dem kleinen Nachwuchs mit offenen Armen. Es gab heißen Kaffee und Toast.

Nebenbei durften wir uns sogar noch eine Lunchpaket für die anstehenden Autobahnkilometer schmieren. Am Küchentisch stellten wir schnell fest, dass ein baldiges Wiedersehen mit voller Mannschaft unausweichlich ist. Unsere beiden Frauen teilen nämlich dieselbe Leidenschaft für Pferde und das Reiten, sodass die beiden sich garantiert auf Anhieb blind verstehen würden. Wir verabschiedeten uns herzlich und macht uns weiter auf den Weg in Richtung Heimat.

Das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite und wir kurvten bei strahlendem Sonnenschein ganz
entspannt über die bayerischen Landstraßen. Da wir noch gut in der Zeit lagen, steuerte ich spontan das Strandbad am Schwaltenweiher an. Der Moorsee liegt herrlich ruhig mit freiem Blick auf die Allgäuer Alpenkette, und eigentlich hatte ich gehofft, dass wir vor der nächsten Autobahnetappe noch einmal kurz ins kühle Wasser springen könnten. Auf dem Parkplatz angekommen, stiegen wir kurz aus, doch Josefine schüttelte nur entschieden mit dem Kopf. Sie hatte absolut keine Lust auf Schwimmen, was für eine Wasserratte wie sie sonst völlig undenkbar ist. Also beließen wir es bei einem kurzen Blick über das Schilf, stiegen wieder ein und nahmen wieder Kurs
auf die Grenze.

Da der Tag ohne Badestop noch nach einem echten Höhepunkt verlangte, zauberte ich eine kleine Geheimmission aus dem Ärmel. Unser Weg führte uns direkt nach Ulm beziehungsweise über die Donau hinüber ins benachbarte Neu-Ulm, wo wir direkt vor dem riesigen Dietrich Theater einparkten. Josefine ahnte bis zur Kasse von überhaupt nichts. Als Überraschung ging es für uns beide in den neuesten Film der Paw Patrol, stilecht mit einem riesigen Eimer frischem Popcorn und einer dicken Portion Eis. Wir machten es uns in den Kinosesseln bequem, kauten synchron im Takt der Action und sahen zu, wie Chase, Marshall und die Fellfreunde die Leinwand eroberten.

Am frühen Abend erreichten wir schließlich den Ulmer Stadtteil Mähringen, der oben auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb liegt. Schön während der Fahrt hatte ich mit meiner alten Freundin Jenny per WhatsApp hin und her geschrieben. Sie und ihr Mann steckten waren zwar noch unterwegs, hatten uns aber längst die offizielle Landegenehmigung für ihr Grundstück erteilt.

Wir durften uns ganz unkompliziert auf der kleinen Obstwiese vor dem Haus einrichten, sodass ich unser Gespann aus Auto und Anhänger direkt vor der Haustür abstellte. Josefine und ich enterten derweil die Terrasse, ließen uns in die Bank fallen und genossen die Ruhe, bis die beiden wenig später eintragen.

Das Wiedersehen nach einer langen Zeit war super. Wir kennen uns schon lange aus der Psychobilly-Szene, sodass sich unsere Gespräche bei kühlen Getränken ziemlich schnell um alte Konzerte, aktuelle Bands und die neuesten Entwicklungen der Subkultur drehten. Bei der anschließenden Führung durch das Haus kamen wir aus dem Schmunzeln kaum heraus. Als waschechte Rockabilly- und Psychobilly-Fans haben die beiden ihre vier Wände mit jeder Menge stilechter Deko, Totenköpfen und skurrilen Details ausgestattet.

Josefine lieferte eine „bühnenreife“ Schrecksekunde ab, als sie im Badezimmer den Klorollenhalter erblickte, der die Form eines fletschenden Totenkopfs hatte. Eigentlich stand der Plan, die Nacht mitten zwischen den Obstbäume im Auto zu verbringen und erst am nächsten Morgen ganz gemütlich die Heimreise anzutreten.

Doch nach den vielen Tagen im Dachzelt, auf Achse und in fremden Betten meldete sich bei Josefine das Heimweh. Sie wollte einfach nur noch zu Mama auf die heimische Couch. Da die Aussicht auf eine lange sonntäglichen Fahrt bei Tageslicht ohnehin wenig verlockend klang, disponierten wir gegen zweiundzwanzig Uhr spontan um. Wir verabschiedeten uns herzlich von Jenny und ihrem Mann, kletterten wieder ins Cockpit und nutzten die leeren Autobahnen in die Nacht hinein.

Kurz vor Mitternacht bogen wir auf die Raststätte Hardtwald West an der A5 kurz vor Heidelberg ab, wo die Lkw-Reihen schon dicht an dicht standen. Um nicht noch mitten in der Nacht die gesamte Inneneinrichtung auf den Kopf stellen zu müssen, sparte ich mir den kompletten Umbau der Vordersitze. Ich rollte die Matratze halbwegs im Heck aus.

Wir fielen beide wie die Steine darauf und machten erst einmal für gut zwei Stunden die Augen zu, um die größte Bleimüdigkeit aus dem Kopf zu bekommen.

Freitag, 14.08.

Gegen zwei Uhr klingelte mein innerer Wecker und ich stand vor der klassischen elterlichen Gewissensfrage. Josefine lag so tief und selig im Reich der Träume, dass ich es schlichtweg nicht übers Herz brachte, sie für den Kindersitz aus dem Schlaf zu reißen. Also beging ich die kleine verbotene Sünde aller reisenden Väter, sicherte sie notdürftig liegend unter der Decke und rollte betont vorsichtig wieder auf die Autobahn. Nach einer kurzen Etappe steuerte ich den nächsten Parkplatz an, wo sie im Halbschlaf nach vorne krabbelte, ordnungsgemäß in ihren Kindersitz schlüpfte und sofort wieder wegdämmerte.

Guten Morgen, Essen. Bis auf eine klitzekleine Toilettenpause irgendwo an einer nächtlichen Raststätte
hatte Josefine die gesamte Strecke wie ein Murmeltier durchgeschlafen. Erst Kurz vor acht Uhr morgens und nur ein paar Kilometer bin Zuhause entfernt, wurde sie wach.
Weil wir die Daheimgebliebene nicht unsanft aus den Federn werfen wollten, blieben wir erst einmal auf dem Hof und im Garten. Ich zückte das Smartphone, schickte meiner Frau eine kurze Nachricht und bat sie, bei der morgendlichen Hunderunde einfach direkt hinten auf den Hof zu kommen. Die halbe Stunde Wartezeit verbrachte ich nutze damit schon ein wenig auszupacken und die Waschmaschine im
Waschkeller anzuschmeissen. Pünktlich dreißig Minuten später rannte unser Hund Jack über den Hof auf uns zu und Mama kam nur wenige Sekunden später dazu. Die Wiedersehensfreude fiel riesig aus. Wir schleppten die ersten Taschen die Treppen hinauf, während im Kopf schon wieder die ersten Gedanken kreisten, in welche
Himmelsrichtung uns das Zelt beim nächsten „Abenteuer“ tragen wird.

Fazit

Was für ein Trip. Während uns Freunde von ihrer Odyssee überfüllter Campingplätze in Slowenien und Kroatien berichteten und eine Familie daraufhin sogar ihren Urlaub entnervt, aber auch krankheitsbedingt abbrach, hatten wir wirklich glück. Das Wetter war überwiegend super und mit Stellplätzen hatten wir gar kein Problem. Außerdem hatten wir mit dem Maltschacher See und Mauterndorf wirklich tolle und kindergerechte Plätze gefunden, die den Urlaub zu einem tollen Erlebnis gemacht haben. Doch mit beengtem Platz im Auto mit Dachzelt waren wir froh, die überwiegende Zeit ein Backup in Form des Wohnmobils meiner Eltern dabei zu haben. Die wenigen Schlechtwetterphasen, aber vor allem die Wespenplage hätten uns die Zeit ein wenig unkomfortabler gemacht. Danke an den Grillmeister Peter und die Köchin Beate, die quasi als Dauerreisende Rentner in ihrem Wohnmobil für unser Wohl gesorgt haben. Gerne wieder.

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